Sterben kann doch jeder.

Das hier ist eventuell der Auftakt zu einer Reihe von Artikeln, die sich näher mit transhumanistischen Themen beschäftigen. Kommt ganz auf meine Motivation an. Bevor mir also irgendein Klugscheißer sagt, dass ich hier nicht das Rad neu erfinde:
Ja, weiß ich, mir egal, halt die Fresse.

Wer braucht schon Zeit?
Wenn man mich fragt, was mein Plan fürs Leben ist, dann antworte ich in schöner Regelmäßigkeit, dass ich keine Ahnung habe.
Diese Ahnungslosigkeit liegt allerdings nicht nur darin begründet, dass ich verhältnismäßig ziellos durchs Leben irre, weil sich meine Interessen- und Aufmerksamkeitsspanne in etwa so willkürlich wie Gesetze zur Drogenpolitik verhält. Vielmehr ist damit auch eine Art Glauben verbunden – der Glaube daran, dass Zeit irgendwann keine große Rolle mehr spielen wird.
Ja, ich weiß, Glaube und Atheismus sollten sich eigentlich ausschließen, aber da es sich hierbei nicht um die dumme spirituelle, sondern eine sehr nüchterne Variante handelt, ist das wohl legitim. Alternativ könnte man auch von einer Erwartungshaltung sprechen.

Für die meisten Menschen mag das erst einmal verwunderlich klingen. Zeit spielt keine Rolle mehr? Wie soll das gehen? Schwimmen wir denn nicht alle auf dem großen Fluss der Gegenwart in Richtung Zukunft (ich weiß, unglaublich kreative Metapher)?
Das ist natürlich an sich nicht verkehrt, aber darum geht es auch gar nicht. Viel entscheidender ist die immens hohe Bedeutung, die wir der Zeit in Bezug auf unsere individuelle Lebensplanung beimessen.

Geburt, Kindheit, Ausbildung, Arbeit, Alter, Tod – und alle so yeah.

Noch ein Grund, wieso Wissenschaft cool ist
Menschen sind sich ihrer Sterblichkeit bewusst und denken, sie hätten nur diese eine Chance, dieses eine Leben, diesen begrenzten Zeitraum, um irgendetwas zu erreichen.
#Yolo, eben.
Jahrhundertelang mag dieser Gedanke richtig gewesen sein, allerdings wird er, sofern ich Recht behalte, in nicht allzu ferner Zukunft kaum mehr Gültigkeit besitzen. Es wird der Tag kommen, an dem Sterben keine Unvermeidlichkeit mehr ist, sondern genauso zur Auswahl steht, ob ich eher Schoko- oder Früchtemüsli zum Frühstück essen will.
Zwar existiert bis heute keine allgemein akzeptierte Theorie dessen, was konkret für den Zellverfall mit zunehmendem Alter verantwortlich ist (z.B. Verbrauch und Verschleiß oder genetischer Code), dass es allerdings passiert, lässt sich schwerlich bestreiten. Demnach existieren natürlich auch Bestrebungen, diese Ursachen zu finden und gegebenenfalls sogar zu eliminieren.
Als absoluter Materialist glaube ich auch nicht daran, dass irgendwelche idiotischen Vorstellungen einer „Seele“ oder eines gesonderten „Geistes“ existieren, sondern dass unsere Persönlichkeiten untrennbar mit unserem biologischen Körper als neuronale Korrelate verbunden sind und demnach lassen sich natürlich auch klassische Alterskrankheiten wie Demenz oder Morbus Parkinson auf biologischer Ebene behandeln bzw. ihre Ursachen eliminieren.
Ich will mich hier nicht allzu sehr in technische Details vertiefen, aber Interessierte finden unter Begriffen wie „biogerontology“, „biological immortality“ oder „reverse aging process“ eine Vielzahl weiterführender Informationen.

Wovor habt ihr Angst?
5356869Mich persönlich fasziniert ein ganz anderer Aspekt:
Wann auch immer ich mit anderen Menschen über die Möglichkeit ewig zu leben, gesprochen habe, war reflexartige Ablehnung die bei Weitem häufigste Reaktion. Ich konnte mir das nie erklären, es fehlt mir schlicht das Verständnis dazu, darin auch nur den geringsten Nachteil zu sehen.
Gerne werden Argumente der Art „Man dürfe nicht Gott spielen und Eingriffe in die Natur wären furchtbar schlimm“ vorgebracht. Das ist so unsinnig wie bescheuert, weshalb meine Erwiderung darauf dann auch in der Regel in etwa „dann unterstehe dich, beim nächsten Knochenbruch ins Krankenhaus zu gehen, das gibt’s in deiner supertollen Natur nämlich auch nicht“ lautet.
Oft wurde argumentiert, es wäre ja schlimm, wenn man sehen müsste, wie alle um einen herum älter werden und sterben, aber das ist natürlich Unsinn, denn es geht nicht um eine Art erwählten Supermenschen, sondern darum, dass diese Option jedem zur Verfügung steht. Wenn man sich also fürs Sterben entscheidet, stellt das eine sehr bewusste dar und somit auch kein wirkliches Problem.
Zumal die Vorteile auf der Hand liegen:
Wenn mir der Sinn danach steht, zehn Jahre irgendwo rumzugammeln und erst dann wieder irgendwas Produktives zu machen, habe ich dadurch nichts „verloren“, weil Zeit für mich keine Rolle mehr spielt. Die Möglichkeiten, sich selbst weiterzuentwickeln, zu lernen, zu sehen, zu reisen, zu erleben – sie sind schier grenzenlos. Die selten dämliche Annahme, man könne das Leben und seine Erfahrungen dann nicht mehr als kostbar wertschätzen, kann man getrost ignorieren. Hier spricht viel eher die Angst, keine neuen Werte schaffen zu können, wenn sie nicht mehr unmittelbar aus der eigenen Endlichkeit enstehen.
Wer den Tod braucht, um überhaupt leben zu können, hat ganz andere Probleme.

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