Recht auf gesundes Leben?

Behinderungen sind scheiße. Tada. Ich hab’s gesagt. Trigger funktioniert? Sehr gut. All jene, die lediglich Spaß an der Empörung haben, können jetzt aufhören zu lesen, mich als Menschenfeind (weiß ich bereits, danke) und Nazi (hab ich, ganz ehrlich, noch gar nie überhaupt nicht gehört) bezeichnen und sich in ihrer moralischen Überlegenheit suhlen.
Die vernunftbegabten restlichen zwei Prozent dürfen aber gerne weiterlesen.

Die Kunst liegt darin, zu erkennen, wen ich denn überhaupt meine. Mir geht es gerade nicht um die bereits lebenden behinderten Menschen, sondern um jene, die sich noch im Potentialbereich befinden, quasi Prä-Menschen.
Während der letzten Jahre gab es immer mal wieder Debatten darüber, ob es „legitim“ bzw. „moralisch richtig“ sei, pränatal ins Erbgut von Menschen einzugreifen und dieses gezielt zu manipulieren – meist mit der Absicht, das Risiko für Erbkrankheiten zu minimieren. Mal ganz davon abgesehen, dass gerade in puncto der tatsächlichen Veränderung noch einige Forschung nötig ist, um diese wirklich effektiv vornehmen zu können, ist die philosophische Fragestellung ohnehin der weitaus interessantere Aspekt.
Da mich Moral und Legitimität allerdings nicht die Bohne interessieren, es für mich also völlig egal ist, ob das irgendwie „richtig“ oder „falsch“ ist, konzentriere ich mich auf die vorgebrachten Argumente der Kritiker – das ist nämlich bei Weitem unterhaltsamer.

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„Wider die Natur“
Blah. Natur, Natur, alles ist toll, solange es nur möglichst natürlich ist. Meiner bescheidenen Meinung nach ist ja letztlich sowieso alles irgendwie Natur, weil auch der Mensch nur die Mittel nutzt, die er in seiner Umwelt vorfindet, um durch Rekombination neue Dinge zu schaffen, die allerdings ebenfalls Naturgesetzen unterworfen sind – aber was weiß ich schon?
Ich vermute mal, diese „Natur“ bezieht sich auf irgendeine Art von glorifiziertem „Urzustand“ – wie auch immer dieser ausgesehen haben soll. Meiner Erfahrung nach ist ungezähmte Natur in erster Linie tödlich und sorgt dafür, dass du mit 30 verreckst. Muss ich nicht unbedingt haben.
Der Vorwurf liegt nun darin begründet, der Mensch würde sich „über die Natur stellen“ und es „besser wissen“, wenn er sich am Erbgut zu schaffen macht. Mal von der völlig hirnverbrannten Annahme abgesehen, die Natur würde irgendetwas „wissen“, ergo eine Art Bewusstsein besitzen, ist der menschliche Körper natürlich alles andere als ein Sinnbild für Perfektion. Es existieren mehr als genug überflüssige Teile darin, die keine konkrete Funktion erfüllen, aber eben auch keinen Nachteil bringen. Hier anzusetzen und den menschlichen Körper gezielt zu verbessern, ist definitiv nichts, was man vernachlässigen sollte.
Anyway. Der pränatale Eingriff, um Krankheiten zu eliminieren, stellt aus meiner Sicht grundsätzlich eine sehr nette Geste dar, ermöglicht er es dem potentiellen Menschen doch, ein angenehmeres und ungefährlicheres Leben zu führen. Nun existiert aber in vielen Köpfen offenbar die Auffassung, ein behindertes Kind wäre so etwas wie eine persönliche Herausforderung, das man auch noch auf seiner To-Do-Liste des Lebens abhaken muss, um ewige Glückseligkeit zu finden.
Das Kind wird hier nicht mehr als eigenständiges Individuum wahrgenommen, sondern lediglich als Hilfsmittel für die Sinnsuche der Eltern, weil sie es sich selbst „beweisen“ wollen, dass sie auch damit umgehen können.
Konsequenter Vorschlag meinerseits:
Jedes Kind muss das Recht erhalten, die eigenen Eltern bis aufs Blut zu verklagen, wenn diese nicht die Möglichkeit genutzt haben, dem Kind ein gesundes Leben zu ermöglichen. Vielleicht wäre auch eine Art „Arschloch-Pauschale“ für Eltern möglich – die bekommen dann kein Kindergeld mehr, sondern müssen von ihrem Verdienst Geld an das Kind zahlen, weil sie einfach scheiße sind.
Man wird ja wohl noch träumen dürfen.

„Klassengesellschaft“
Hach ja, die ewige Phrase der „ unterdrückten Armen“ gegen die „bösen Reichen“. Neue Technologien stehen erfahrungsgemäß natürlich erst einmal einem eingeschränkten Personenkreis zur Verfügung – eben jenem mit entsprechender Kaufkraft. Allerdings wäre es selten dämlich, würde man den Massenmarkt ignorieren und die Möglichkeit der genetischen Modifizierung nicht auch einem breiterem Spektrum anbieten – und sei es aus schnödem Profitinteresse.

„Ist behindertes Leben denn nichts wert?“
Meh. Jemandem wie mir die Wertfrage zu stellen, sorgt ohnehin für eine faszinierende Abwesenheit von Situationsbewusstsein, weil für mich kein Leben irgendeinen Wert an sich hat – nur überaus dämlich darin begründet, weil es eben zufällig irgendwie krabbelt und atmet und womöglich gar wie ein Mensch aussieht.
Ich stelle hier keine Spekulationen darüber an, ob behinderte Menschen nicht trotzdem auch gerne leben und glücklich sind – das ist sicherlich möglich, aber nicht der entscheidende Punkt. Ein Leben mit Behinderung (geistig oder körperlich ist da egal) stellt immer eine gewisse Einschränkung in puncto Lebensqualität dar – sonst wäre es definitionsgemäß nämlich keine Behinderung, ihr moralisierenden Klugscheißer.
Hand aufs Herz: Vor die Wahl gestellt, ob man lieber gesund und ohne Einschränkungen leben will – oder halt nicht – wer entschiede sich da für ein Leben minderer Qualität?

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Sterben kann doch jeder.

Das hier ist eventuell der Auftakt zu einer Reihe von Artikeln, die sich näher mit transhumanistischen Themen beschäftigen. Kommt ganz auf meine Motivation an. Bevor mir also irgendein Klugscheißer sagt, dass ich hier nicht das Rad neu erfinde:
Ja, weiß ich, mir egal, halt die Fresse.

Wer braucht schon Zeit?
Wenn man mich fragt, was mein Plan fürs Leben ist, dann antworte ich in schöner Regelmäßigkeit, dass ich keine Ahnung habe.
Diese Ahnungslosigkeit liegt allerdings nicht nur darin begründet, dass ich verhältnismäßig ziellos durchs Leben irre, weil sich meine Interessen- und Aufmerksamkeitsspanne in etwa so willkürlich wie Gesetze zur Drogenpolitik verhält. Vielmehr ist damit auch eine Art Glauben verbunden – der Glaube daran, dass Zeit irgendwann keine große Rolle mehr spielen wird.
Ja, ich weiß, Glaube und Atheismus sollten sich eigentlich ausschließen, aber da es sich hierbei nicht um die dumme spirituelle, sondern eine sehr nüchterne Variante handelt, ist das wohl legitim. Alternativ könnte man auch von einer Erwartungshaltung sprechen.

Für die meisten Menschen mag das erst einmal verwunderlich klingen. Zeit spielt keine Rolle mehr? Wie soll das gehen? Schwimmen wir denn nicht alle auf dem großen Fluss der Gegenwart in Richtung Zukunft (ich weiß, unglaublich kreative Metapher)?
Das ist natürlich an sich nicht verkehrt, aber darum geht es auch gar nicht. Viel entscheidender ist die immens hohe Bedeutung, die wir der Zeit in Bezug auf unsere individuelle Lebensplanung beimessen.

Geburt, Kindheit, Ausbildung, Arbeit, Alter, Tod – und alle so yeah.

Noch ein Grund, wieso Wissenschaft cool ist
Menschen sind sich ihrer Sterblichkeit bewusst und denken, sie hätten nur diese eine Chance, dieses eine Leben, diesen begrenzten Zeitraum, um irgendetwas zu erreichen.
#Yolo, eben.
Jahrhundertelang mag dieser Gedanke richtig gewesen sein, allerdings wird er, sofern ich Recht behalte, in nicht allzu ferner Zukunft kaum mehr Gültigkeit besitzen. Es wird der Tag kommen, an dem Sterben keine Unvermeidlichkeit mehr ist, sondern genauso zur Auswahl steht, ob ich eher Schoko- oder Früchtemüsli zum Frühstück essen will.
Zwar existiert bis heute keine allgemein akzeptierte Theorie dessen, was konkret für den Zellverfall mit zunehmendem Alter verantwortlich ist (z.B. Verbrauch und Verschleiß oder genetischer Code), dass es allerdings passiert, lässt sich schwerlich bestreiten. Demnach existieren natürlich auch Bestrebungen, diese Ursachen zu finden und gegebenenfalls sogar zu eliminieren.
Als absoluter Materialist glaube ich auch nicht daran, dass irgendwelche idiotischen Vorstellungen einer „Seele“ oder eines gesonderten „Geistes“ existieren, sondern dass unsere Persönlichkeiten untrennbar mit unserem biologischen Körper als neuronale Korrelate verbunden sind und demnach lassen sich natürlich auch klassische Alterskrankheiten wie Demenz oder Morbus Parkinson auf biologischer Ebene behandeln bzw. ihre Ursachen eliminieren.
Ich will mich hier nicht allzu sehr in technische Details vertiefen, aber Interessierte finden unter Begriffen wie „biogerontology“, „biological immortality“ oder „reverse aging process“ eine Vielzahl weiterführender Informationen.

Wovor habt ihr Angst?
5356869Mich persönlich fasziniert ein ganz anderer Aspekt:
Wann auch immer ich mit anderen Menschen über die Möglichkeit ewig zu leben, gesprochen habe, war reflexartige Ablehnung die bei Weitem häufigste Reaktion. Ich konnte mir das nie erklären, es fehlt mir schlicht das Verständnis dazu, darin auch nur den geringsten Nachteil zu sehen.
Gerne werden Argumente der Art „Man dürfe nicht Gott spielen und Eingriffe in die Natur wären furchtbar schlimm“ vorgebracht. Das ist so unsinnig wie bescheuert, weshalb meine Erwiderung darauf dann auch in der Regel in etwa „dann unterstehe dich, beim nächsten Knochenbruch ins Krankenhaus zu gehen, das gibt’s in deiner supertollen Natur nämlich auch nicht“ lautet.
Oft wurde argumentiert, es wäre ja schlimm, wenn man sehen müsste, wie alle um einen herum älter werden und sterben, aber das ist natürlich Unsinn, denn es geht nicht um eine Art erwählten Supermenschen, sondern darum, dass diese Option jedem zur Verfügung steht. Wenn man sich also fürs Sterben entscheidet, stellt das eine sehr bewusste dar und somit auch kein wirkliches Problem.
Zumal die Vorteile auf der Hand liegen:
Wenn mir der Sinn danach steht, zehn Jahre irgendwo rumzugammeln und erst dann wieder irgendwas Produktives zu machen, habe ich dadurch nichts „verloren“, weil Zeit für mich keine Rolle mehr spielt. Die Möglichkeiten, sich selbst weiterzuentwickeln, zu lernen, zu sehen, zu reisen, zu erleben – sie sind schier grenzenlos. Die selten dämliche Annahme, man könne das Leben und seine Erfahrungen dann nicht mehr als kostbar wertschätzen, kann man getrost ignorieren. Hier spricht viel eher die Angst, keine neuen Werte schaffen zu können, wenn sie nicht mehr unmittelbar aus der eigenen Endlichkeit enstehen.
Wer den Tod braucht, um überhaupt leben zu können, hat ganz andere Probleme.