Eine kleine Geschichte des Nationalsozialismus

Er hat es wieder getan. Augstein ist zurück (positiver Nebeneffekt: ich dadurch ebenfalls). Nachdem er mit seinen bisherigen Kolumnen immer wieder ausgetestet hat, wie weit er mit den SPON-Lesern gehen kann, macht er nun klar Schiff.
Keine blumige Rhetorik mehr, keine Samthandschuhe, nein, Augstein legt endlich die Karten auf den Tisch. Endlich hat er seine Leserschaft soweit, dass sie bereitwillig aus dem Napf fressen, den er für sie bereitstellt – denn mehr als Hunde sind sie in seinen Augen ohnehin nicht. Woran das liegt? Für Augstein ist das völlig klar:

„Denn Stolz und Ehre sind in der deutschen Politik keine Kategorien mehr.“

Stolz und Ehre. Nicht Kompetenz und Verhandlungsgeschick. Nein. Stolz und Ehre – das sind die für ihn entscheidenden Kategorien. Wobei. Nein. Dann doch nicht so ganz. Denn „einerseits ist das gut so. […] Gesellschaften, die dem Prinzip der Vergeltung folgen statt dem der Versöhnung, sind keine sehr friedlichen Gesellschaften – siehe USA oder Israel.“

Welch perfider rhetorischer Kniff! Welchem Leser fällt schon auf, dass Augstein das „Andererseits“ gezielt unerwähnt lässt? Will er doch nicht zu konkret werden? Nicht zu direkt? Noch ein Austesten der Grenzen? Doch gibt es diese für ihn überhaupt noch? Suhlt er sich doch bereits jetzt voller Wonne in tiefsten Schlamm antiwestlicher, und vor allem antisemitischer Ideologien.
Den Beweis tritt er nicht nur durch seine gezielte Erwähnung von Israel und den USA als Beispiele für unfriedliche Gesellschaften par excellence an. Wen interessiert da schon der Kongo? Oder Syrien? Pah! Alles Peanuts! Für Augstein gibt es nur USA-Israel – die neue Achse des Bösen.
Doch ich sprach von einem Beweis. Der Geschichtskundige wird ihn sofort erblicken – was wohl ca. 95% der SPIEGEL-Leser ausschließen dürfte. Augstein befindet sich ganz auf Linie mit seinem Idol, dem „weitsichtigen Carl Schmitt“, den er auch nur zu gern zitiert. Moment. Wer war eigentlich dieser Carl Schmitt?
Ach, nichts weiter. Seines Zeichens lediglich der „Kronjurist des Nationalsozialismus“. Hoppala. Da zitiert der gute Augstein doch wohlwollend einen handfesten Nazi. Na ja, kann schon mal passieren. Es würde jedoch nicht verwundern, wenn Augstein auch hierzu positiv Bezug nimmt:

„Was der Führer über die jüdische Dialektik gesagt hat, müssen wir uns selbst und unseren Studenten immer wieder einprägen, um der großen Gefahr immer neuer Tarnungen und Zerredungen zu entgehen. Mit einem nur gefühlsmäßigen Antisemitismus ist es nicht getan; es bedarf einer erkenntnismäßig begründeten Sicherheit. […] Wir müssen den deutschen Geist von allen Fälschungen befreien, Fälschungen des Begriffes Geist, die es ermöglicht haben, dass jüdische Emigranten den großartigen Kampf des Gauleiters Julius Streicher als etwas ‚Ungeistiges’ bezeichnen konnten.“

Wobei, nein, pardon, mein Fehler. Natürlich muss es dieser Tage ein wenig anders klingen:

„Was Ahmadinedschad über die israelische Dialektik gesagt hat, müssen wir uns selbst und unseren Studenten immer wieder einprägen, um der großen Gefahr immer neuer Tarnungen und Zerredungen zu entgehen. Mit einer nur gefühlsmäßigen Israelkritik ist es nicht getan; es bedarf einer erkenntnismäßig begründeten Sicherheit. […] Wir müssen den deutschen Geist von allen Fälschungen befreien, Fälschungen des Begriffes Geist, die es ermöglicht haben, dass jüdische Emigranten den großartigen Kampf des Journalisten Jakob Augstein als etwas ‚Ungeistiges’, gar als Antisemitismus, bezeichnen konnten.“

Doch Augstein hat ja auch gerade erst angefangen. Mit dem Schmitt-Zitat:

„Souverän ist, wer über den Ausnahmezustand entscheidet“

sowie der folgenden „Argumentation“:

„Die Drohnen-Morde, die CIA-Foltergefängnisse, das Lager in Guantanamo, die Bespitzelung von Parlamenten, Politikern und Bürgern belegen seit Langem, dass die USA den weltweiten, andauernden Ausnahmezustand ausgerufen haben.“

macht er klar, dass er ganz auf Parteilinie ist. Auf wessen? Auf Schmitts natürlich! Denn Augstein vergleicht mal ganz eben nebenbei die USA mit dem Hitlerregime, über das Schmitt in Bezug auf den Ausnahmezustand schrieb:

„Der Führer schützt das Recht vor dem schlimmsten Missbrauch, wenn er im Augenblick der Gefahr kraft seines Führertums als oberster Gerichtsherr unmittelbar Recht schafft.“

Doch Moment. Wie kann er auf Linie sein, wenn er das nicht auch wohlwollend zitiert?
Weil es nicht Deutschland ist, das hier als Souverän handelt, sondern das ewige Feindbild USA inklusive Israel. Denn so schließt sich der Kreis zum Beginn seiner Kolumne.
Fabulierte er da von verlorenem Stolz und Ehre, ist er nun erpicht darauf, dass der „Dackel irgendwann seinen Stolz entdeckt“.

Stolz und Ehre. Klingt doch mindestens so vertraut wie „Blut und Boden“. Auch ich kann simple Bezüge herstellen. Mit dem feinen Unterschied, dass sie nicht völlig abwegig sind.
Augstein hat das mediale Spiel perfekt verstanden. Er tanzt wie ein Artist auf den Seilen linker Pazifismusrhetorik und springt leichtfüßig aufs Trapez nationalsozialistischer Propaganda – ohne dass es dem geneigten Leser wirklich auffällt. Aber damit hat er auch jemanden, in dessen Geiste er damit steht:

„Wer z. B. den Sieg des pazifistischen Gedankens in dieser Welt wirklich von Herzen wünschen wollte, müßte sich mit allen Mitteln für die Eroberung der Welt durch die Deutschen einsetzen; denn wenn es umgekehrt kommen sollte, würde sehr leicht mit dem
letzten Deutschen auch der letzte Pazifist aussterben, da die andere Welt auf diesen natur- und
vernunftwidrigen Unsinn kaum je so tief hereingefallen ist als leider unser eigenes Volk. Man müßte sich also wohl oder übel bei ernstem Willen entschließen, Kriege zu führen, um zum Pazifismus zu kommen.“

Von wem das stammt, darf jeder selbst herausfinden. Da bin ich ganz der Augstein.

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NSA, Prism, Tempora, Zivilisation, Hysterie und den ganzen Rest, den ich hasse.

Ich glaube, ich werde nie wieder einen Folgeartikel ankündigen – wenn man dann über einen Monat lang kaum Zeit bzw. teilweise auch keinerlei Motivation zum Schreiben verspürt, wirkt das irgendwie…doof.
Aber gut, ich bin schließlich auch ein Mensch (zumindest glaube ich das solange, bis mich das Labor zurückhaben will…) und hab so meine Eigenheiten. Also zurück zum eigentlichen Thema.

Ich habe während der letzten Wochen so viel an empörten, relativierenden, beschwichtigenden, verurteilenden und sonstigen deutschsprachigen Beiträgen zu diesem Thema gelesen, dass es letztlich immer schwieriger wurde, sich da irgendwo zu positionieren. Schon allein deshalb, weil ich bezweifle, dass es ein so klar definiertes “Überwachung ist gut, weil…” bzw. “Überwachung ist schlecht, weil…” gibt. Warum ich explizit auf deutschsprachige Beiträge verweise? Weil ich ebenso einige in internationalen Medien gelesen habe, deren Argumentationen für mich weitaus nüchterner und daher meist besser waren.
Sehr häufig hörte man von Gegnern staatlicher Überwachung das Benjamin Franklin zugeschriebene Zitat “Wer Freiheit für Sicherheit aufgibt, wird am Ende beides verlieren” – doch so logisch das auf den ersten Blick auch anhören mag, so unzureichend beschreibt es die Komplexität, für die derartige Überwachungsprogamme symbolisch stehen.
Die grundlegende Frage, die sich jeder stellen muss, ist, was für Risiken er persönlich übernehmen will und welche der Staat lieber abwenden soll. Schenkt man den entsprechenden Stellungnahmen Glauben (und ich habe bisher keinen Grund dazu, dies nicht zu tun), so wurden durch die NSA mehrere Terroranschläge, v.a. durch die Verwendung der durch PRISM erhobenen Daten, verhindert. Ist also das Wohlbefinden all derjenigen, die ihre Privatsphäre sicher wissen wollen über das Leben jener zu stellen, die sonst Opfer dieser Anschläge geworden wären? Es fällt schnell auf, dass hier die verschiedensten Grundrechte miteinander kollidieren – Freiheit, Privatsphäre, Leben, Eigentum.

Gibt es darauf eine Antwort? Nein. Zumindest keine zufriedenstellende, auch wenn das so mancher Kommentator gerne glauben machen möchte.
Der Liberale argumentiert sehr gerne, dass der Staat lediglich die Aufgabe hat, Freiheit, Leben und Eigentum zu beschützen und sich aus dem Rest raushalten soll – ohne allerdings wirklich klar zu machen, was der Staat tun soll, wenn hier Konflikte auftreten – z.B. eben aktuell zwischen Freiheit und Leben. Es gibt hier kaum wirklich konkrete Handlungsanweisungen, wie die Abwägung getroffen werden soll – was wiegt hier schwerer? Ein freier, aber toter Mensch, hat von seiner Freiheit nicht mehr viel – ein lebender, stark eingeschränkter/bevormundeter aber ebenso nicht (Auch wenn manch einer durchaus berechtigt argumentieren mag, dass es jederzeit besser ist, am Leben als tot zu sein – aber darüber lässt sich selbstredend wunderbar streiten.). Die Gleichgültigkeit gegenüber Terroropfern bzw. deren Abwendung ist häufig auch nur solange gegeben, wie man selbst nicht in einer gewissen Weise involviert ist – wen interessiert es hierzulande denn wirklich, dass die meisten Opfer Muslime in der arabischen Welt sind, weil diese sich mit Vorliebe gegenseitig umbringen? Kaum jemanden. Richtig.
Auffällig wurde dieses Verhalten vor allem in Bezug auf den Umgang mit der NSU-Affäre – reflexartig wurde nach einem NPD-Verbot gebrüllt, einer stärkeren Überwachung von Neonazis (Hatte ich eigentlich schon erwähnt, dass Grundrechte nur bedingt für Nazis gelten?) und generell einer Einschränkung des Versammlungsrechts von Neonazis. Bezeichnenderweise sind die Gegner der Aussage “Wer nichts zu verbergen hat, braucht auch nichts zu befürchten” häufig auch eben jene, die sich in Bezug auf ihre politischen Feinde plötzlich ganz anders äußern – was mich einmal mehr vermuten lässt, dass es den meisten nicht um grundlegende Prinzipien geht, sondern viel eher um das Bekämpfen ideologischer Gegner – in diesem speziellen Fall als, ganz klassisch, die USA und der Westen im Allgemeinen.
Ich sagte bereits, dass ich keine Antworten liefern werde, deshalb soll alles, was ich hier schreibe, auch nur zur Anregung dienen, denn ich kann, um eine zufriedenstellende Antwort zu finden, nicht von mir und meinem persönlichen Befinden ausgehen – wenn es danach gehen würde, wäre es mir herzlich egal, ob ich morgen bei einem Terroranschlag ums Leben komme oder vom Auto überfahren werde – das sind eben Risiken, mit denen ich gut leben kann – ich weiß aber auch, dass es nicht jedem so geht und er nicht von einer Splitterbombe zerfetzt werden will, daher bin ich kein guter Maßstab.

Das Problem ist:
Nur so ein bisschen Überwachung geht nicht. Auch wenn ich die Schlussfolgerung nicht wirklich teile, so argumentiert Ralf Schuler bei Achgut diesbezüglich durchaus nachvollziehbar. Wer wirklich per se gegen Überwachung ist, der kann konsequenterweise nur die Abschaffung aller Geheimdienste und deren Infrastrukturen fordern – muss dann aber auch damit leben, dass der Schutz, den eben jene bisher geboten haben, auf einmal nicht mehr da ist und unangenehme Ereignisse die Folge sein könnten. Das ist eben das Problem mit Geheimdiensten – erledigen sie ihre Arbeit gut, merkt der normale Bürger kaum, dass es sie überhaupt gibt – leisten sie sich einen Fehler, richtet sich plötzlich der gesamte öffentliche Fokus auf sie, ohne die zuvor geleistete gute Arbeit irgendwie zu honorieren.
Mir wurde in der Schule beigebracht, bei Kritik, immer auch die positiven Aspekte mit zu betonen – einfach um zu zeigen, dass nicht alles völlig vergebens war. Denn wenn Geheimdienste wirklich so ineffizent sind, dann brauchen wir sie nicht und können das Geld anderweitig ausgeben – sind sie es aber nicht und leisten zu 99% gute Arbeit, ist die Frage, wie man mit dem restlichen 1% umgeht – ignorieren? Reflektieren?
Aus prinzipieller Sicht würde ich mich gegen eine derartige Überwachung aussprechen, wäre jedoch auch so konsequent, zu sagen, dass wir dann überhaupt keine Geheimdienste mehr brauchen – doch ich kann nur für mich und nicht für Milliarden anderer sprechen. Nimmt man die allgemeine Empörung als Maßstab, scheinen mir aber viele zuzustimmen – wobei ich bezweifle, dass die meisten der Empörten sich über die Konsequenzen wirklich im Klaren sind.

Rückkehr des Faschismus
Eine der größten Ängste, die man aus dem Tenor vieler Artikel der jüngsten Zeit herauslesen konnte, war, dass es von der flächendeckenden Überwachung nur ein Schritt bis zum Rückfall in den Faschismus wäre oder diesem doch zumindest Vorschub geleistet wird. Ich denke jedoch, dass diese Angst unbegründet ist und warum v.a. das gern zitierte Beispiel von Ungarn hier nicht wirklich als guter Vergleich dient.
Doch warum ist das so?
Nun, diesbezüglich kann als eine gute Grundlage ein Artikel in der Welt aus dem Jahre 2010 von Rudolf Ungváry dienen. Bezeichnend für die Problematik sind für mich v.a. folgende Passagen:

“Die Mehrheit der Bevölkerung ist autoritär eingestellt.
Sie hält wenig von Freiheit ruft nach Ordnung. Das demokratische Prinzip eines Gleichgewichtes zwischen Freiheit und Ordnung ist in den Augen der Mehrheit eine liberal-kosmopolitische Täuschung.

Dazu kommt die unbewältigte Vergangenheit. Der durch die Sowjets auferzwungene Einparteienstaat verunmöglichte eine Vergangenheitsaufarbeitung und dadurch fehlt ein der Wirklichkeit entsprechendes historisches Bewusstsein.”

bzw.

„Als mit dem Systemwechsel im Jahre 1989 die Freiheit in Ungarn ausbrach, erwachte langsam aber stetig die ungarische Mehrheit zu dem, was sie seit 1945 unterschwellig geblieben ist. Nichts konnte daran die staatssozialistische Gehirnwäsche ändern. Gegenwärtig entsteht ein politisches Ungarn, das wieder an das Nationalistische und Autoritäre anknüpft.“
 
Was kann man daraus entnehmen? Nun, es scheint zumindest sehr klar, dass die demokratische Idee in der vergleichsweise großen Teilen der Bevölkerung den Rückhalt genießt, den sie benötigt, um als solche wirklich effektiv funktionieren zu können. Das ist eben ein entscheidender Unterschied zum heutigen Deutschland:
Parteien wie die NPD oder Republikaner bekommen (glücklicherweise) regelmäßig niedrige Wahlergebnisse, weil derart extremistische Parteien nicht auf großen Widerhall in der breiten Bevölkerung stoßen – ganz anders als eben Fidesz und Jobbik in Ungarn. Die Gefahr, dass eine verfassungsfeindliche Partei hier demnächst in eine regierungsfähige Position kommt, dürfte ausgesprochen gering sein. Und bevor jetzt Einwände kommen:
Es geht mir um die extremen Spektren, dass etablierte Parteien auch ihre Unzulänglichkeiten haben – klar, aber keine davon hat vor, erneut einen faschistischen Staat zu errichten. Jegliche Kritik erfolgt also auf einem vergleichsweise hohen Niveau.
Noch absurder wird die Aussage des Videos im vorangegangenen Artikel, wenn der Autor völlig realitätsfern davon faselt, es bestehe die Möglichkeit, dass Deutschland von einem feindlichen Staat übernommen wird. Das ist so was unglaublich…Deutsches. Diese Hysterie, ohne überhaupt einen konkreten Anhaltspunkt dafür zu haben. Man schaue doch einmal kurz auf die geopolitischen Verhältnisse inkl. der entsprechenden (Verteidgungs)Bündnisse und überlege dann noch einmal, wie realistisch diese Option ist. Die einzigen Nationen, die militärisch dazu momentan wohl in der Lage wären, sind die USA, Russland und China – nichts, aber auch wirklich überhaupt nichts deutet auch nur ansatzweise darauf hin, dass das passieren wird – schon allein deshalb, weil die Gefahr eines internationalen Flächenbrands viel zu groß wäre und im Falle eines Atomkriegs keiner irgendetwas gewinnen könnte. So viel also zur Realitätsnähe des Videos.

Sehr gut auf den Punkt brachte es Harald Stücker noch einmal in diesem Artikel, v.a. mit seiner Aussage am Ende:
„Im Grunde möchten wir eine Behörde wie die NSA, die aber ihre Kapazitäten nicht für die innere Sicherheit einsetzt, sondern für den Schutz unserer Daten und unseres Grundrechts auf Ignoranz, für unsere „informationelle Selbstbestimmung“. Wir sollten den BND in ein Datenschutz-Superministerium umwandeln, und das mit möglichst vielen Kompetenzen versehen. Um uns vor Missbrauch zu schützen, dürfen dort dann nur noch die Guten arbeiten, die bösen Spione, die jetzt dort arbeiten, kommen ins Gefängnis.“
Willkommen in Absurdistan.

Die Frage, die sich jeder stellen muss, ist, ob eine Demokratie überhaupt Überwachung benötigt. Denn die Frage, des „Wie viel“ stellt sich kaum (siehe oben) – wer die Möglichkeit zur Massenüberwachung hat, wird sie auch nutzen, sonst wäre sie kaum effektiv bzw. auch unmöglich daraufhin zu kontrollieren, dass keine Überwachung stattfindet. Das alte Dilemma „Quis custodiet ipsos custodes?” scheint in moderneren Zeiten immer weniger lösbar zu sein. Das hat nicht nur damit zu tun, dass die Kontrollgremien der Geheimdienste in demokratischen Ländern zur Verschwiegenheit verpflichtet sind und damit auch keine öffentlich wahrnehmbare Transparenz bietet können, sondern dass gerade bei derart großen Institutionen wie der NSA derart riesige Datenmengen gefiltert und analysiert werden, dass es schier unmöglich sein dürfte, das alles auf Rechtskonformität zu überprüfen.
Natürlich ist das ein Problem, weil dadurch eine Grauzone entsteht, in der eigentlich formal gegen Grundrechte verstoßen wird, andererseits dieser Verstoß aber stillschweigend hingenommen wird, weil es unmöglich wäre, diesen effektiv zu verhindern – es sei denn, man macht den ganzen Laden dicht.

Einen der besten Kommentare zu dieser ganzen Debatte las ich jedoch erst kürzlich von Michael C. Moynihan im Daily Beast und damit möchte ich auch schließen, denn das fasst meinen persönlichen Standpunkt zu dieser ganzen Sache auch noch einmal ziemlich gut zusammen:
„The rule here is simple: If you are invoking 1984 in a country in which 1984 is available for purchase and can be freely deployed as a rhetorical device, you likely don’t understand the point of 1984.“

Video-Analyse: Überwachungsstaat – Was ist das?

PRISM, TEMPORA, XKeyscore – das sind die Namen, die während der letzten Wochen und Monate in aller Munde waren und es gibt kaum noch jemanden, der mit diesen Begriffen nichts anfangen kann.
V.a. im deutschsprachigen Raum verbreitete sich zuerst in sozialen Netzwerken und schließlich auch in großen Medien wie SPON dieses Video ziemlich viral.


„In einen Überwachungsstaat dagegen wird die Freiheit durch übertriebene Sicherheitsbedürfnisse eingeschränkt.“
Nun ist das sicherlich nicht unbedingt eine schlechte Definition des Begriffes, allerdings stört mich hier bereits etwas, das für das gesamte Video leider sehr symptomatisch ist:
Der Sprecher wird nie konkret. Was sind übertriebene Sicherheitsbedürfnisse? Ist es bereits ein übertriebenes Sicherheitsbedürfnis, beim Fahrradfahren einen Helm aufzusetzen? Oder sich im Auto einen Gurt umzulegen? Wenn diese übertriebenen Sicherheitsbedürfnisse so schlecht sind, wäre es nicht verkehrt, zumindest zu erklären, was genau darunter denn überhaupt fällt. Manch einer findet es womöglich bereits übertrieben, dass er auf der Autobahn nicht mit seinem Fahrrad rumfahren darf, weil die Gefahr, dass er dabei umkommt, überdurchschnittlich hoch sein dürfte – ich wage jedoch zu bezweifeln, dass der Sprecher so etwas im Sinn hatte, weswegen eine konkrete Definition hierbei überaus hilfreich gewesen wäre.

Des Weiteren geht das Video von einer sehr fragwürdigen Prämisse aus – nämlich davon, dass alles, was überwacht wird, auch tatsächlich relevant für die Überwachenden ist.
Was aus dieser Überwachung folgt, ist die Schere im Kopf. Alles, was man sagt oder tut, was kontrovers sein könnte, behält man lieber für sich und vermeidet möglichen Ärger. […] Selbstkritische Diskussionen und Meinungsäußerungen werden so aus Angst eingeschränkt.“
Anders formuliert:
Alles, was ich sage/tue, ist so bedeutend, dass die NSA und der BND nichts Besseres zu tun haben, als mich rund um die Uhr von XKeyscore überwachen und jeden meiner Schritte protokollieren zu lassen, damit sie dann…uhm…ja, was eigentlich? Und hier liegt ein weiteres Problem:
Der Sprecher „argumentiert“, dass durch die Überwachung eine „Schere im Kopf“, also eine Selbstzensur“ entsteht und kritische Meinungen so unterdrückt werden. Das ist v.a. amüsant, wenn man sich jene Aussage der Überwachungsgegner ins Gedächtnis ruft, die besagt, dass die Terroristen bereits gewonnen haben, wenn die Bürger eines Landes aufgrund (potenziellen) Terrors Angst haben und ihre Lebensqualität einschränken. Warum ist das amüsant? Nun, wenn man realistisch bleibt, ist es sehr unwahrscheinlich, dass „normale“ Internetuser irgendwie größere Probleme bekommen (und mit „normal“ meine ich durchaus auch solche, die sich auf /b/ herumtreiben). Wenn man sich also selbst einschränkt, dann gibt man zu, Angst zu haben – zwar nicht vor Terror, aber vor dem Staat. Was wäre also sinnvoller? Richtig. Einfach weitermachen wie bisher – sich davon nicht beirren lassen und trotzdem schreiben, dass man Merkel doof findet. Das machen SPON und Co. regelmäßig, und bisher hatten die auch noch kein Sondereinsatzkommando in ihren Büroräumen – und das obwohl deren Aussagen mit Sicherheit mehr Menschen erreichen, als der Facebook-Pinnwandeintrag von „Mr. Guy Fawkes Rebel X“.

„Dabei ist es genauso möglich, dass sich Gesetze verschärfen und was vorher unproblematisch war, wird plötzlich zum Verdachtsmoment.“
Was aber auch nur jene betrifft, die NACH der Gesetzesänderung weiterhin wie zuvor handeln – alles, was davor war, ist strafrechtlich irrelevant, da es ein sog. Rückwirkungsverbot gibt. Die Juristen unter uns werden die wunderbare Formulierung „nullum crimen sine lege” sicherlich aus einer ihrer Strafrechtsvorlesungen wiedererkennen.

„Destroy America – gemeint war selbstverständlich Party machen, sich besaufen. Die US-Einreisebehörde, die offenbar Twitter nach genau dieser Phrase absuchte, verstanden (Mit Grammatik scheint’s der Gute nicht so zu haben, Anm. d. A.) keinen Spaß – durchsuchten sein Gepäck nach Spaten und schickten ihn und seine Begleiterin in Handschellen zuerst ins Gefängnis und danach zurück nach Großbritannien.“
Und hier kommen wir zum latent zynischen Part des Videos. Dem Sprecher scheint es übertrieben, dass ein Land, welches bereits mit mehreren erfolgreichen Terroranschlägen innerhalb der eigenen Grenzen zu kämpfen hatte, bei Aussagen wie „Destroy America“ hellhörig und dementsprechend auch vorsorgend wird. Aber derartige Geschichten sind ein grundlegendes Dilemma jeglicher Geheimdienstarbeit, worauf ich jedoch noch in einem separaten Artikel näher eingehen werde.

„Was als harmloser Scherz gemeint war, kann von ironieresistenten Behörden schnell missverstanden werden und fatale Konsequenzen haben.“
Also sind die Konsequenzen, falls es kein Scherz war, dann weniger fatal? Wer nicht gerade eine größere Abneigung gegen Kinder (so wie etwa meine Wenigkeit) verspürt, der wird eine Schule voller Toter mitunter etwas anders beurteilen. Das Problem bei Verbrechensbekämpfung ist doch, dass man häufig vom Schlimmsten ausgehen muss. Kaum jemand kann z.B. auf eine gewisse Entfernung den Unterschied zwischen einer echten und einer Softair-Beretta erkennen. Der Polizist muss also davon ausgehen, dass der Träger der Attrappe eine echte Waffe hat und damit großen Schaden anrichten kann – also wird so gehandelt, damit dieser Schaden möglichst minimiert wird oder gar nicht erst entstehen kann. Das mag unangenehme Konsequenzen für denjenigen haben, der sie erfährt, aber im Gegenzug wäre der Aufschrei natürlich wieder groß, wenn ein Amoklauf mit der Begründung nicht verhindert wurde, dass man dachte, der Täter wolle nur Spaß machen und seine Waffe sei ohnehin nicht echt. Denjenigen, der das den Hinterbliebenen so erklärt, will ich erst einmal sehen.

„Wer über dein Privatleben Bescheid weiß, hat Macht über dich und niemand weiß das besser, als die Opfer der Stasi in der DDR oder allen anderen deutschen Unrechtsregimen.“
Puh. Stasi-Vergleiche sind neuerdings immer sehr schnell bei der Hand und einem doch recht geschichtsaffinen Menschen wie mir, sträuben sich bei den meisten ziemlich die Haare. Die Stasi war ein Instrument in einem, nach recht verbreiteter Auffassung, autoritären bzw. partiell totalitären diktatorischen System, das seine Bürger nicht nur überwachte, sondern ebenso gezielt unter Druck setzte, öffentlich diskreditierte und teilweise auch einfach ermordete bzw. es versuchte. Hier den Vergleich zu PRISM und Co. zu ziehen, erachte ich für mehr als gewagt – relativiert es doch all jene Opfer der Stasi-Aktivitäten in einer Weise, der ich nicht gewillt bin, zuzustimmen.
Mehr über Demokratie und Überwachung wird aber in einem Folgeartikel noch ausgearbeitet.
Deswegen werde ich über die restlichen ca. 2,5 Minuten des Videos auch nicht mehr viele Worte verlieren – sonst würde ich mich am Ende nur wiederholen und das erscheint mir nicht sinnvoll.

Nur eines will ich noch kurz erwähnen, weil das zum zweiten Artikel nur bedingt passt:
„Kriegsberichtserstattungen werden manipuliert und dadurch die öffentliche Meinung gelenkt, wie bei den angeblichen Massenvernichtungswaffen im Irak.“
Dieser Aussage zufolge, gibt es eine staatlich gesteuerte Presseagentur, die gezielt Falschmeldungen herausgibt und abseits dessen keinerlei andere Berichterstattung. Das ist, zumindest in der bösen westlichen freien Welt, glücklicherweise nicht der Fall. Wenn man sich die Berichte zu Zeiten der Prä-Irakkriegs-Ära anschaut, erkennt man schnell, dass es dort auch natürlich viele kritische Stimmen gab. Mir ist nicht so recht klar, weshalb der Ersteller des Videos sich nicht die Mühe gemacht hat, das genauer zu recherchieren.
Und mal ganz unabhängig davon:
Wer den Irakkrieg pauschal als nicht legitim ablehnt, dem empfehle ich dringend die Lektüre von Hitch-22 – der hervorragenden Autobiographie von Christopher Hitchens, in der er diesem Thema eine sehr gelungene Betrachtung widmet.

Abschließend bleibt nach dem wiederholten Anschauen des Videos ein recht unangenehmer Beigeschmack. Mir persönlich ist es aus den dargelegten Gründen zu oberflächlich, zu relativierend und häufig auch zu tendenziös. Ich kann den Hype darum zwar gut verstehen, immerhin passt es hervorragend in die momentane Stimmung, allerdings scheint das auch leider viele davon abzuhalten, sich tatsächlich tiefgründiger mit der gesamten Problematik zu beschäftigen.
Wozu sollte man auch unzählige Stunden mit Recherchearbeit verbringen, wenn man sich ein Video anschauen kann, das einem das Ganze auch hübsch verpackt in knapp 11 Minuten erklärt? Da wird bestimmt schon alles Wichtige dabei sein, außerdem gefällt das so vielen Leuten und die Mehrheit irrt schließlich nie.