#makegermanygreatagain

Ein neues Deutschland
Jan Böhmermann hat es wieder einmal geschafft und ist in aller Munde. Immerhin hat er es sogar geschafft, mich nach monatelanger Abstinenz wieder zum Bloggen bewegen zu können.

„BE DEUTSCH“ ist das neueste Werk der bömermann’schen Produktionsstätte und sorgt wohl für kaum so durchmischte Reaktionen wie seine vorherigen Arbeiten.
Meine erste Reaktion nach Sehen des Videos war in etwa „Noch mehr nationalistische Kackscheiße. Yay.“
Daher empfand ich meine Beschreibung hierz auch recht passend:

Böhmermann ist das Kunststück gelungen, Nationalismus wieder salonfähig zu machen, den Deutschen das Gefühl zu vermitteln, sie seien wieder wer und könnten der Welt zeigen, wie es besser geht.
Ich bin dann mal kotzen.

Schnell wurde mir vorgeworfen, ich fände das nur nicht lustig, weil es um Themen geht, die ich gut finde – was absurd ist, da ich AfD und Co. für einen Haufen konserverativer und antiliberaler Vollidioten halte, mich es also sicherlich nicht stört, wenn sie zum Ziel von Spott werden.
Der nächste Vorwurf war, ich nehme das Video viel zu ernst und würde da zu viel hineininterpretieren. Dem werde ich mich in einem späteren Absatz widmen.
Mein Problem ist, dass dem völkischen Nationalismus von AfD, Putin und Trump ein moralischer Nationalismus entgegengesetzt wird. Es wird einmal mehr in Kollektiven gedacht. Es folgt eine Etablierung einer „Wir Guten gegen die ewig Gestrigen“-Dichotomie.
Statt völkischem Stumpfsinn wird ein Hurra-Nationalismus zelebriert, der genau dann OK ist, wenn er von der „richtigen“ Seite und im „richtigen“ Kontext kommt. Ob das die bessere Lösung ist, wage ich dezent zu bezweifeln. Dazu noch der typische deutsche, erhobene Zeigefinger, dass wir es besser als alle andere wissen, da wir aus unserer Geschichte gelernt hätten. Das ist auf so vielen Ebenen einfach nur falsch und verlogen. Man schaue sich nur einmal die Judenobsession der Deutschen an und ihren Volkssport „Israelkritik“.
Wobei da natürlich auch sehr schön der Aufruf im Video „Read Kant!“ hinzupasst. Kant, der größe Aufklärer und das Gewissen der deutschen Nation. Gerne, lesen wir mal kurz:

Every coward is a liar; Jews for example, not only in business, but also in common life.

The Jews still cannot claim any true genius, any truly great man. All their talents and skills revolve around stratagems and low cunning…They are a nation of swindlers.

The Jews are by nature “sharp dealers” who are “bound together by superstition.” Their “immoral and vile” behavior in commerce shows that they “do not aspire to civic virtue,” for “the spirit of usury holds sway amongst them.” They are “a nation of swindlers” who benefit only “from deceiving their host’s culture.

So tolerant und fortschrittlich, dieser Kant. Sollte unbedingt mehr solcher Menschen geben.
Andreas Müller hat in einem eigenen Beitrag daher sehr treffend geschrieben:

Kant selbst benannte das Ziel seines Hauptwerks offen wie folgt: “Ich musste also das Wissen aufheben, um zum Glauben Platz zu bekommen.” Mit dieser Aussage disqualifiziert man sich sofort als Philosoph. Die Philosophie hat die Religion abgelöst, Wissen hat Glauben abgelöst. Philosophie heißt logisches Denken über grundlegende, vor-wissenschaftliche Fragen (inklusive der Frage, wie man denkt und wie man an Erkenntnisse gelangen kann), während religiöser Glaube die blinde Akzeptanz willkürlicher Behauptungen über solche Fragen ist. Kant versuchte, die Philosophie “aufzuheben”, um für die Religion “Platz zu bekommen”.

Will man das wirklich?
Auch andere finden sehr kritische Worte für das Video, so schreibt Felix Christian für die Ruhrbarone u.a. Folgendes:

Zweierlei habe Auschwitz bewiesen, schrieb einst Eike Geisel: Das man die Vernichtung veranstalten könne, und dass sich das Verbrechen langfristig auszahle – in Exportquoten und eben auch in Kultur. Man muss nur die Lektion verstanden haben. Jan Böhmermann hat verstanden. Er ruft nicht nur zum Aufstand der anständigen Deutschen gegen rechte Nestbeschmutzer, er will sie (und ihre Sandalen, HAHA) auch aller Welt aufdrängen: „Guten Tag, die wahren Deutschen sind da“. Trotz und vor allem wegen Auschwitz: „Vertraut unserem teutonischen Sachverstand“. Been there, done that, American voters! Am deutschen Wesen soll mal wieder die Welt genesen.

Woraufhin promt eine Replik von Sebastian Bartoschek im selben Medium erscheint:

Was wir bei Christians (und bspw. auch bei VICE) erleben, ist das, was ein sehr deutscher Philosoph, Friedrich Nietzsche, unter den Begriff „Sklavenmoral“ fasste, und was sich im Internet großer Beliebtheit erfreut: alle sind happy, wenn alle unglücklich und schwach sind. Man unterstützt sich. Wird aber einer stark, oder bemächtigt sich selbst, schafft er positive Gefühle, ist er ungern gesehen. Wer ist dieser, dass er es wagt, sich gut zu fühlen, wenn wir selbst es nicht tun?

Ironie dabei ist, dass Bartoschek am Schluss zwar schreibt, niemanden zitieren zu wollen, gleichwohl auf Nietzsche referiert – einen wohl denkbar schlechten Ratgeber für positive Nationalbezüge:

„Beim Nationalismus handelt es sich um die schlechte Ausdünstung von Leuten, die nichts anderes als ihre Herden-Eigenschaften haben, um darauf stolz zu sein.“

Hier also von der Kritik am Nationalismus ausgehend eine Brücke zum nietzscheanischen Begriff der Sklavenmoral zu schlagen, um eben diese Kritik abzuwehren erscheint mir nicht nur arg bemüht konstruiert, sondern mit einiger Sicherheit ebenso eine ziemliche Fehlinterpretation dessen, was Nietzsche in seiner „Genealogie der Moral“ diesbezüglich geschrieben hat. Bevor man also schon mit philosophischen Begriffen hantiert, sollte man zumindest imstande sein, diese auch adäquat einzuordnen.

Die unverstandene Meta-Ebene
Da ich mich aber jemand bin, der durchaus lernfähig und gewillt ist, möglichst fundiert zu argumentieren, will ich zumindest versuchen, einen Case für Böhmermann zu formulieren.
All die Kritik, die ich bisher beschrieben habe, folgt dem ersten Instinkt meinerseits und bisher habe ich noch keine treffende Argumentation gesehen, die schlüssig darlegt, warum diese Kritik nicht greift. Daher will ich das gern selber übernehmen.
Man kann das Video auch auf einer etwas abstrakteren Meta-Ebene betrachten und durch die gleichsam sehr überspitzt dargestellte Zeichnung des „aufgeklärten, modernen Deutschen“ eine Kritik an eben dieser Haltung sehen. Menschen, die vegane Würstchen essen, können keine Nazis sein – extreme Simplifizierung und dadurch ebenfalls eine implizite Kritik daran. Durch die bewusste Darstellung des moralischen Zeigefingers, dass wir Deutschen es doch besser wissen und daher dazu befähigt sind, der Welt zu zeigen, wie eine aufgeklärte, tolerante Demokratie aussieht, kann man diese Sichtweise ebenso als ein stark überzeichnetes und somit persifliertes Porträt des deutschen Selbstverständnisses auf globalpolitischer Bühne sehen.
Böhmermann schlägt hier also zwei Fliegen mit einer Klappe, indem er sich über die ewig Gestrigen lustig macht und gleichsam den moralisierenden Bessermenschen mit dem Hang zur Welterklärung karikiert, er also beide Extreme abdeckt und damit zeigt, dass es kaum mehr differenzierende Grautöne in dieser ganzen Debatte gibt.
Falls diese Argumentation zutrifft, ziehe ich meinen Hut vor dieser Aktion, da sie ein perfektes Beispiel für funktionierende Demagogie ist. Im Sinne Böhmermanns hoffe ich, dass dies seine eigentlich Intention war und nicht lediglich, den Deutschen wieder ein positives Nationalgefühl zu vermitteln.
Indes, ich wage es nach wie vor zu bezweifeln und selbst wenn, erscheint kaum einer diese Nachricht zu verstehen. Stattdessen wird überall zelebriert, dass man endlich wieder Stolz auf Deutschland sein könne und dem völkischen einen moralischen Nationalismus (sicherlich nicht in diesen Worten) entgegensetzen müsse. Selbst wenn die Intention eine andere war, haben sie wohl die wenigsten verstanden und der Schuss ging gehörig nach hinten los. Daher werde ich mit Sascha Lobos sehr treffenden Worten schließen:

Und ja, Freunde und Friends, die meisten Leute, die das irgendwie toll finden, könnten versuchen, sich herauszureden, dass ich einen Videoclip überinterpretiere. Ist doch nur ein Scherz, nur ein paar witzige Worte und das Premiumwortspiel Kant/Cunt, haha. Aber Ihr könnt Euch nicht rausreden – sonst wirkt Eure überinterpretierende Empörung über die rassistische, scherzhaft gemeinte AfD-Andeutung nächste Woche so schal wie deutsches Bier von 1933, hoho.

Now prove me wrong.

Deutscher Humor.

Deutschland, ich mag dich. Doch, wirklich, ganz ehrlich. Weil du so simpel gestrickt bist. So vorhersehbar. Da weiß man wenigstens, woran man ist.
Jüngster Aufreger der Nation ist dieses Mal dieses Video von JuliensBlog.

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Jeder, dessen IQ im Normalbereich liegt, sollte langsam verstanden haben, dass Julien bewusst provoziert und Grenzen des guten Geschmacks überschreitet. Ich lese in den Kommentaren diverser Medien, dass das furchtbar wäre und sicherlich kein schwarzer Humor ist, weil auch dieser Grenzen hätte. Sollte ich jetzt eigentlich lachen oder weinen angesichts so viel Blödheit?

Ok, für die ganzen Blitzmerker und Humorbehinderten schaue ich einmal kurz, was Tante Wiki dazu sagt:

„Als schwarzer Humor wird Humor bezeichnet, der Verbrechen, Krankheit, Tod und ähnliche Themen, für die gewöhnlich eine Abhandlung in ernster Form erwartet wird, in satirischer oder bewusst verharmlosender Weise verwendet. Oft bezieht er sich auf Zeitthemen. Schwarzer Humor bedient sich häufig paradoxer Stilfiguren. Nicht selten löst er Kontroversen aus darüber, ob man sich über die genannten Dinge lustig machen dürfe und wo die Grenzen des guten Geschmacks lägen; besonders ist dies der Fall, wenn religiöse und sexuelle Themen und tragische Ereignisse zum Gegenstand genommen werden.“

Nochmal zum Mitschreiben:

„oder bewusst verharmlosender Weise verwendet.“

Oh. Julien verharmlost den Holocaust, indem er sagt, die Lokführer sollten vergast werden? Und das soll plötzlich kein schwarzer Humor sein? Verdammt. Also entweder irrt sich Tante Wiki oder schwarzer Humor ist eben genau das, was Julien seit jeher macht – bewusstes Grenzen überschreiten.
Viel faszinierender wird die ganze Aufregung allerdings noch, wenn man sich einmal gewisser Umstände bewusst wird.
Als vor ein paar Monaten die Charlie-Hebdo-Redaktion von ein paar islamistischen Vollidioten zusammengeballert wurde, waren hinterer (fast) alle „je suis Charlie“ – haben Lobreden auf die Meinungsfreiheit gehalten und wie wichtig eben diese auch bei kontroversen Beiträgen wäre. Aber wie zu erwarten, ist das menschliche Gedächtnis ziemlich gut darin, Ereignisse zu verdrängen und in alte Muster zu verfallen. Da kommt es recht schnell zu Aussagen wie

„Meinungsfreiheit ist wichtig und schützenswert, ABER…“

Fick dich. Wer Meinungsfreiheit mit dem Wort „aber“ in dieser Weise kombiniert, hat absolut gar nichts verstanden. Meinungsfreiheit schützen, durch die Einschränkung eben dieser? Ich finde Logik ja auch völlig überbewertet.
Denken wir einmal knapp drei Jahre zurück. Damals empörte sich alle Welt über den Film „Innocence of Muslims“. Allgemeiner Konsens war, wie ach so schlimm das wäre und diskriminierend und überhaupt blablub. Glücklicherweise gab es aber auch damals bereits ein paar Stimmen der Vernunft. So schrieb Frank A. Meyer in einem Beitrag für blick.ch folgende unglaublich wichtigen Worte:

„Was ist Freiheit wert, wenn sie nicht auch Freiheit zur Provokation bedeutet? Wer zur Zufriedenheit aller filmt und redet und schreibt, bedarf der Freiheit nicht. Freiheit bietet Schutz für das Unangepasste, das Abwegige, das Missglückte, das Bös¬gemeinte, auch für den schlechten Geschmack.“

Wer nur erlaubt, was allgemein akzeptiert und gut ist, der bedarf keiner Freiheit mehr und hat ihren intrinsischen Wert schlicht nicht verstanden. Faszinierend ist daran auch, dass man „Innocence of Muslims“ gemeinhin verurteilt hat, während Charlie Hebdo sehr viel Anteilnahme erfuhr. Ein Zyniker könnte jetzt sagen, dass also erst einmal ein paar Menschen sterben müssen, bevor diese sich dann ihr Recht auf Meinungsfreiheit verdient haben. Bringt ihnen zwar nicht mehr allzu viel, aber hey, wir sind mal alle kurz betroffen und sagen, wie wichtig diese Freiheit ist und dass sie nicht verloren gehen darf. Und ein paar Wochen später fangen wir dann an zu relativieren. Und wieder etwas später ignorieren wir das alles und fordern erneut Einschränkungen. Wisst ihr, wie man so etwas gemeinhin nennt? Richtig. Heuchler.
Und was macht man mit Heuchlern? Richtig. An die Wand stellen und standrechtlich erschießen.
Nachdem das also nun geklärt wäre, zurück zum eigentlichen Thema und den Reaktionen darauf.

Welch Geistes Kind die selbsternannten Moralisten und Sittenwächter sind, kann man anhand solcher Aussagen sehr gut erkennen:

„dass dieses sadistische Gegeifer von diesem Julien weder etwas mit Humor, auch nicht mit schwarzem Humor und schon garnichts mit Satire zu tun hat.
[…]
Ich lache auch wenn Nazis zusammengeschlagen werden. Das hat aber nichts mit Humor zu tun, sondern viel eher etwas mit meinen (berechtigten) Bestrafungswünschen Nazis gegenüber und der Befriedigung selbiger.“

Quelle

Da findet es jemand also einerseits schlimm, wenn Julien Holocaustwitze macht, andererseits ist es völlig legitim, wenn andere Menschen zusammengeschlagen werden, weil einem selbst deren Ansichten nicht gefallen. Hm. Wie bezeichnete man das noch gleich, wenn andere Menschen mittels Gewalt aufgrund ihrer Ansichten unterdrückt werden…was war das noch gleich…hm…
Es ist wirklich immer wieder interessant, wie leicht es den Menschen fällt, so einfach mit doppelten Standards zu leben.
Auch Vice springt auf den allgemeinen Empörungszug (höhö) auf und schreibt:

„Das soll schwarzer Humor sein, ist aber keiner. Das ist auch keine gelungene Satire, sondern einfach nur ein menschenverachtender, auf erbärmliche Art und Weise nach Applaus heischender Kleinbürger-Wutanfall.“

Mir erscheint, ich habe etwas sehr Grundlegendes verpasst. Alle möglichen Leute sagen, dass das, was Julien fabriziert, sei kein schwarzer Humor. Ok, Gegenfrage: Was ist dann schwarzer Humor? Offensichtlich nicht das, wie Wikipedia es definiert, denn dann käme diese Behauptung nicht auf. Doch es interessiert mich wirklich brennend, wie konkret dann die Definition aussehen soll und wo genau die Abgrenzung zu „normalem“ Humor besteht.

Mir erscheint, die meisten Menschen, die sich jetzt so angepisst fühlen, haben tatsächlich etwas Fundamentales nicht verstanden.
Humor kennt keine Grenzen, darf keine Grenzen kennen.
Humor ist etwas grundlegend Positives – wer Humor verbietet, sei es aus Gründen des Anstands, der Ästhetik oder subjektiven Wertvorstellungen erschafft damit eine Verbotskultur, die alles, was ihr unangenehm erscheint, reflexartig wegsperrt.
Humor ist DAS Symbol für Freiheit, für Unabhängigkeit – wer über etwas lacht, hat keine Angst mehr davor, lässt sich nicht von gegenteiligen Ansichten einschüchtern oder beirren. Genau das ist auch der Grund, weshalb jedes autoritäre System zuerst den Humor einschränkt – weil man nur zu gut weiß, wie befreiend dieser wirken kann.
In dieselbe Kerbe schlägt daher auch der großartige Ludwig von Mises, als er schrieb:

“Der Liberalismus fordert Duldung auch offenbar unsinniger Lehren, wahnwitzigen Irrglaubens und kindlich-blöden Aberglaubens. Er fordert Duldung für Lehren und Meinungen, die er als der Gesellschaft schädlich und verderblich erachtet, für Richtungen, die er zu bekämpfen nicht müde wird. Denn das, was ihn veranlasst, Duldung zu fordern und zu gewähren, ist nicht die Rücksicht auf den Inhalt der zu duldenden Lehre, sondern die Erkenntnis, dass nur die Duldung den gesellschaftlichen Friedenszustand schaffen und bewahren kann, ohne den die Menschheit in Unkultur und in die Armut längstverflossener Jahrhunderte zurückfallen müsste. Den Kampf gegen das Dumme, das Unsinnige, das Irrige, das Böse führt der Liberale mit den Waffen des Geistes und nicht mit roher Gewalt und Unterdrückung.”

Statt sich also zu freuen, wenn andere Menschen aufgrund ihrer Meinung zusammengeschlagen werden und im gleichen Atemzug Julien doof finden (siehe oben), sollten eben jene Moralisten sich eingehend selbst reflektieren und den gigantischen Widerspruch in ihrer Attitüde erkennen.

Man kann nicht „Je suis Charlie“ und gleichzeitig „Ich bin für Meinungsfreiheit, aber…“ sagen.

Vom Menschen, der fliegen wollte.

Ich habe mich ja wirklich daran versucht, nicht über Flug 4U9525 zu schreiben – eben weil mir dieser ganze Flugzeugkatastrophenunglücksmist ohnehin schon meine Facebook- und Twitterwall verhagelt. Aber, ach, ich kann eben auch nicht aus meiner Haut.
Was tut man also als gefühlskalte, neoliberal-kapitalistische Faschistensau?
Man veröffentlich diesen Post auf Facebook und stoppe die Zeit, bis der zu erwartende Shitstorm einsetzt:

„Wenn Gott gewollt hätte, dass die Menschen fliegen können, dann hätte er ihnen Flügel gegeben.
Ergo: selbst schuld.“

Germanwings
Quelle: Getty Images

Natürlich dauerte es nicht allzu lange, bis die selbsternannte Sittenwächterfraktion inkl. Humorwächterabzeichen erschien und mit erhobenem Finger erzählte, das dürfe man nicht sagen, weil wegen der Opfern und das wäre alles ganz schlimm und darüber dürfe man sich nicht lustig machen, weil blablub.
Doch. Darf man. Muss man sogar.

Nur wer den Tod verlachen kann, hat verstanden, was Leben heißt.
Deshalb finde ich diesen ganzen Betroffenheitszirkus auch unsagbar dämlich. Jeder (und leugnet es nicht) von uns hat in irgendeiner Weise schon einmal zynische Sprüche bezüglich Tragödien gebracht. Die Leute, die jetzt „trauern“ sind mitunter dieselben Wichser, die 2001 nach dem Anschlag auf die Twin Towers Gründe gesucht haben, warum das irgendwie gerechtfertigt sein könnte. DAS ist zynisch. Nicht so ein alberner Spruch, der klar als schwarzer Humor zu erkennen ist und seinen Zweck offensichtlich erfüllt – denn er polarisiert.
Klar hätte ich Betroffenheit heucheln können, die ich nicht empfinde – oder einfach nichts sagen, worauf ich aber keine Lust hatte.
Klar ist das empathielos – mir sind die Opfer egal, weil mich nichts mit ihnen verbindet und ich keine emotionale Beziehung zu ihnen verspüre – wozu also Trauer heucheln?
Die ganzen Arschlöcher, die heute trauern, sind morgen wieder die ersten, die Terroropfer verhöhnen, indem sie von gerechten Kämpfen sprechen. Mich pisst einfach diese Doppelmoral, diese ganze Betroffenheitskacke an, die eben nur dann zum Tragen kommt, wenn es gerade in das eigene kleine Weltbild passt.
Man überlege sich einmal, wie die Reaktionen der Leute aussehen würden, wäre das eine amerikanische oder israelische Maschine gewesen – die ganzen antiamerikanischen und antisemitischen Wichser wären aus ihren Löchern gekrochen und hätten sich gefreut.
Wer sagt, ich sei zynisch, mag damit durchaus Recht haben – aber wenigstens bin ich kein Heuchler, sondern immerhin ein ehrlich Zyniker.

Was ist wohl der Hauptgrund ist, dass so viele Menschen Anteilnahme zeigen? Weil es keinen „höheren“ Grund gibt, an dem man das Ganze relativieren könnte. Es ist kein politischer Akt gewesen, sondern der eines verzweifelten Einzeltäters. Deshalb bleibt Ohnmacht und Ratlosigkeit zurück. Weil sich kein Rechtfertigungsgrund finden lässt.
Wer mir nicht glaubt, der mache sich doch einfach mal die Mühe und schau die Presseberichte inkl. zugehöriger Kommentare und generellen Reaktionen an, als ein Passagierflugzeug von russischen Söldnern über Ukraine abgeschossen wurde – war die Anteilnahme da auch nur ansatzweise ähnlich hoch?
Nein. War sie nicht. Weil es politische und somit abstrakte Gründe gab, an denen man das relativieren konnte und die Opfer in den Hintergrund rückten. DAS ist wirklich menschenverachtend.

Doch Humor? Nein, Humor ist das genaue Gegenteil davon.
Humor kennt keine Grenzen, darf keine Grenzen kennen.
Humor ist etwas grundlegend Positives – wer Humor verbietet, sei es aus Gründen des Anstands, der Ästhetik oder subjektiven Wertvorstellungen erschafft damit eine Verbotskultur, die alles, was ihr unangenehm erscheint, reflexartig wegsperrt.
Humor ist DAS Symbol für Freiheit, für Unabhängigkeit – wer über etwas lacht, hat keine Angst mehr davor, lässt sich nicht von gegenteiligen Ansichten einschüchtern oder beirren. Genau das ist auch der Grund, weshalb jedes autoritäre System zuerst den Humor einschränkt – weil man nur zu gut weiß, wie befreiend dieser wirken kann.

Oder um es mit Hesse zu sagen:
„Humor ist immer Galgenhumor, und nötigenfalls lernen Sie ihn eben am Galgen.“