Vom Menschen, der fliegen wollte.

Ich habe mich ja wirklich daran versucht, nicht über Flug 4U9525 zu schreiben – eben weil mir dieser ganze Flugzeugkatastrophenunglücksmist ohnehin schon meine Facebook- und Twitterwall verhagelt. Aber, ach, ich kann eben auch nicht aus meiner Haut.
Was tut man also als gefühlskalte, neoliberal-kapitalistische Faschistensau?
Man veröffentlich diesen Post auf Facebook und stoppe die Zeit, bis der zu erwartende Shitstorm einsetzt:

„Wenn Gott gewollt hätte, dass die Menschen fliegen können, dann hätte er ihnen Flügel gegeben.
Ergo: selbst schuld.“

Germanwings
Quelle: Getty Images

Natürlich dauerte es nicht allzu lange, bis die selbsternannte Sittenwächterfraktion inkl. Humorwächterabzeichen erschien und mit erhobenem Finger erzählte, das dürfe man nicht sagen, weil wegen der Opfern und das wäre alles ganz schlimm und darüber dürfe man sich nicht lustig machen, weil blablub.
Doch. Darf man. Muss man sogar.

Nur wer den Tod verlachen kann, hat verstanden, was Leben heißt.
Deshalb finde ich diesen ganzen Betroffenheitszirkus auch unsagbar dämlich. Jeder (und leugnet es nicht) von uns hat in irgendeiner Weise schon einmal zynische Sprüche bezüglich Tragödien gebracht. Die Leute, die jetzt „trauern“ sind mitunter dieselben Wichser, die 2001 nach dem Anschlag auf die Twin Towers Gründe gesucht haben, warum das irgendwie gerechtfertigt sein könnte. DAS ist zynisch. Nicht so ein alberner Spruch, der klar als schwarzer Humor zu erkennen ist und seinen Zweck offensichtlich erfüllt – denn er polarisiert.
Klar hätte ich Betroffenheit heucheln können, die ich nicht empfinde – oder einfach nichts sagen, worauf ich aber keine Lust hatte.
Klar ist das empathielos – mir sind die Opfer egal, weil mich nichts mit ihnen verbindet und ich keine emotionale Beziehung zu ihnen verspüre – wozu also Trauer heucheln?
Die ganzen Arschlöcher, die heute trauern, sind morgen wieder die ersten, die Terroropfer verhöhnen, indem sie von gerechten Kämpfen sprechen. Mich pisst einfach diese Doppelmoral, diese ganze Betroffenheitskacke an, die eben nur dann zum Tragen kommt, wenn es gerade in das eigene kleine Weltbild passt.
Man überlege sich einmal, wie die Reaktionen der Leute aussehen würden, wäre das eine amerikanische oder israelische Maschine gewesen – die ganzen antiamerikanischen und antisemitischen Wichser wären aus ihren Löchern gekrochen und hätten sich gefreut.
Wer sagt, ich sei zynisch, mag damit durchaus Recht haben – aber wenigstens bin ich kein Heuchler, sondern immerhin ein ehrlich Zyniker.

Was ist wohl der Hauptgrund ist, dass so viele Menschen Anteilnahme zeigen? Weil es keinen „höheren“ Grund gibt, an dem man das Ganze relativieren könnte. Es ist kein politischer Akt gewesen, sondern der eines verzweifelten Einzeltäters. Deshalb bleibt Ohnmacht und Ratlosigkeit zurück. Weil sich kein Rechtfertigungsgrund finden lässt.
Wer mir nicht glaubt, der mache sich doch einfach mal die Mühe und schau die Presseberichte inkl. zugehöriger Kommentare und generellen Reaktionen an, als ein Passagierflugzeug von russischen Söldnern über Ukraine abgeschossen wurde – war die Anteilnahme da auch nur ansatzweise ähnlich hoch?
Nein. War sie nicht. Weil es politische und somit abstrakte Gründe gab, an denen man das relativieren konnte und die Opfer in den Hintergrund rückten. DAS ist wirklich menschenverachtend.

Doch Humor? Nein, Humor ist das genaue Gegenteil davon.
Humor kennt keine Grenzen, darf keine Grenzen kennen.
Humor ist etwas grundlegend Positives – wer Humor verbietet, sei es aus Gründen des Anstands, der Ästhetik oder subjektiven Wertvorstellungen erschafft damit eine Verbotskultur, die alles, was ihr unangenehm erscheint, reflexartig wegsperrt.
Humor ist DAS Symbol für Freiheit, für Unabhängigkeit – wer über etwas lacht, hat keine Angst mehr davor, lässt sich nicht von gegenteiligen Ansichten einschüchtern oder beirren. Genau das ist auch der Grund, weshalb jedes autoritäre System zuerst den Humor einschränkt – weil man nur zu gut weiß, wie befreiend dieser wirken kann.

Oder um es mit Hesse zu sagen:
„Humor ist immer Galgenhumor, und nötigenfalls lernen Sie ihn eben am Galgen.“

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