Recht auf gesundes Leben?

Behinderungen sind scheiße. Tada. Ich hab’s gesagt. Trigger funktioniert? Sehr gut. All jene, die lediglich Spaß an der Empörung haben, können jetzt aufhören zu lesen, mich als Menschenfeind (weiß ich bereits, danke) und Nazi (hab ich, ganz ehrlich, noch gar nie überhaupt nicht gehört) bezeichnen und sich in ihrer moralischen Überlegenheit suhlen.
Die vernunftbegabten restlichen zwei Prozent dürfen aber gerne weiterlesen.

Die Kunst liegt darin, zu erkennen, wen ich denn überhaupt meine. Mir geht es gerade nicht um die bereits lebenden behinderten Menschen, sondern um jene, die sich noch im Potentialbereich befinden, quasi Prä-Menschen.
Während der letzten Jahre gab es immer mal wieder Debatten darüber, ob es „legitim“ bzw. „moralisch richtig“ sei, pränatal ins Erbgut von Menschen einzugreifen und dieses gezielt zu manipulieren – meist mit der Absicht, das Risiko für Erbkrankheiten zu minimieren. Mal ganz davon abgesehen, dass gerade in puncto der tatsächlichen Veränderung noch einige Forschung nötig ist, um diese wirklich effektiv vornehmen zu können, ist die philosophische Fragestellung ohnehin der weitaus interessantere Aspekt.
Da mich Moral und Legitimität allerdings nicht die Bohne interessieren, es für mich also völlig egal ist, ob das irgendwie „richtig“ oder „falsch“ ist, konzentriere ich mich auf die vorgebrachten Argumente der Kritiker – das ist nämlich bei Weitem unterhaltsamer.

9-Week_Human_Embryo_from_Ectopic_Pregnancy

„Wider die Natur“
Blah. Natur, Natur, alles ist toll, solange es nur möglichst natürlich ist. Meiner bescheidenen Meinung nach ist ja letztlich sowieso alles irgendwie Natur, weil auch der Mensch nur die Mittel nutzt, die er in seiner Umwelt vorfindet, um durch Rekombination neue Dinge zu schaffen, die allerdings ebenfalls Naturgesetzen unterworfen sind – aber was weiß ich schon?
Ich vermute mal, diese „Natur“ bezieht sich auf irgendeine Art von glorifiziertem „Urzustand“ – wie auch immer dieser ausgesehen haben soll. Meiner Erfahrung nach ist ungezähmte Natur in erster Linie tödlich und sorgt dafür, dass du mit 30 verreckst. Muss ich nicht unbedingt haben.
Der Vorwurf liegt nun darin begründet, der Mensch würde sich „über die Natur stellen“ und es „besser wissen“, wenn er sich am Erbgut zu schaffen macht. Mal von der völlig hirnverbrannten Annahme abgesehen, die Natur würde irgendetwas „wissen“, ergo eine Art Bewusstsein besitzen, ist der menschliche Körper natürlich alles andere als ein Sinnbild für Perfektion. Es existieren mehr als genug überflüssige Teile darin, die keine konkrete Funktion erfüllen, aber eben auch keinen Nachteil bringen. Hier anzusetzen und den menschlichen Körper gezielt zu verbessern, ist definitiv nichts, was man vernachlässigen sollte.
Anyway. Der pränatale Eingriff, um Krankheiten zu eliminieren, stellt aus meiner Sicht grundsätzlich eine sehr nette Geste dar, ermöglicht er es dem potentiellen Menschen doch, ein angenehmeres und ungefährlicheres Leben zu führen. Nun existiert aber in vielen Köpfen offenbar die Auffassung, ein behindertes Kind wäre so etwas wie eine persönliche Herausforderung, das man auch noch auf seiner To-Do-Liste des Lebens abhaken muss, um ewige Glückseligkeit zu finden.
Das Kind wird hier nicht mehr als eigenständiges Individuum wahrgenommen, sondern lediglich als Hilfsmittel für die Sinnsuche der Eltern, weil sie es sich selbst „beweisen“ wollen, dass sie auch damit umgehen können.
Konsequenter Vorschlag meinerseits:
Jedes Kind muss das Recht erhalten, die eigenen Eltern bis aufs Blut zu verklagen, wenn diese nicht die Möglichkeit genutzt haben, dem Kind ein gesundes Leben zu ermöglichen. Vielleicht wäre auch eine Art „Arschloch-Pauschale“ für Eltern möglich – die bekommen dann kein Kindergeld mehr, sondern müssen von ihrem Verdienst Geld an das Kind zahlen, weil sie einfach scheiße sind.
Man wird ja wohl noch träumen dürfen.

„Klassengesellschaft“
Hach ja, die ewige Phrase der „ unterdrückten Armen“ gegen die „bösen Reichen“. Neue Technologien stehen erfahrungsgemäß natürlich erst einmal einem eingeschränkten Personenkreis zur Verfügung – eben jenem mit entsprechender Kaufkraft. Allerdings wäre es selten dämlich, würde man den Massenmarkt ignorieren und die Möglichkeit der genetischen Modifizierung nicht auch einem breiterem Spektrum anbieten – und sei es aus schnödem Profitinteresse.

„Ist behindertes Leben denn nichts wert?“
Meh. Jemandem wie mir die Wertfrage zu stellen, sorgt ohnehin für eine faszinierende Abwesenheit von Situationsbewusstsein, weil für mich kein Leben irgendeinen Wert an sich hat – nur überaus dämlich darin begründet, weil es eben zufällig irgendwie krabbelt und atmet und womöglich gar wie ein Mensch aussieht.
Ich stelle hier keine Spekulationen darüber an, ob behinderte Menschen nicht trotzdem auch gerne leben und glücklich sind – das ist sicherlich möglich, aber nicht der entscheidende Punkt. Ein Leben mit Behinderung (geistig oder körperlich ist da egal) stellt immer eine gewisse Einschränkung in puncto Lebensqualität dar – sonst wäre es definitionsgemäß nämlich keine Behinderung, ihr moralisierenden Klugscheißer.
Hand aufs Herz: Vor die Wahl gestellt, ob man lieber gesund und ohne Einschränkungen leben will – oder halt nicht – wer entschiede sich da für ein Leben minderer Qualität?

Advertisements

Signale vom Elfenbeinturm

„Denkbar wäre drittens das tentative Bemühen, in einem reziproken Lern- und Austauschprozess wahrzunehmen…“

Oder auch:
„Es wird versucht, miteinander zu reden.“

Ernsthaft:
Ist es denn so schwer, bestimmte Sachverhalte so zu erklären, dass sie auch jeder Depp versteht? Es wird immer sich immer lauthals darüber beschwert, dass es der „bildungsfernen Unterschicht“ so schwer gemacht wird, dieser Bildungsferne zu entkommen und sich weiterzuentwickeln. Könnte es vielleicht damit zu tun haben, dass viele Wissenschaftler entweder nicht fähig oder nicht willens sind, ihre Forschungsergebnisse so zu präsentieren, dass sie auch ein unbedarfter Laie versteht und nicht nur solche Bekloppten wie ich, die ohnehin nichts Besseres zu tun haben, als Fachwörterlexikon zu spielen?
Schopenhauer traf, wie so häufig, den Nagel auf den Kopf, als er dazu anhielt, „man gebrauche gewöhnliche Worte und sage ungewöhnliche Dinge“ – womöglich gibt es viele Menschen, die gern mehr über Themen erfahren würden, die sie interessieren – doch werden sie davon abgeschreckt, weil sie sofort mit einem gigantischen Hammer aus Fachwörtern erschlagen werden und verständlicherweise nicht unbedingt willens sind, erst jedes zweite Wort nachschlagen zu müssen, um sich so puzzleartig den eigentlichen Sinn des Geschriebenen erschließen zu können. Wissenschaftliche Publikationen sollten auch für fachfremde Muttersprachler noch verständlich bleiben – was nützt eine Wissenschaft sonst, die keine Sau mehr versteht und die letztlich nur in ihrem kleinen Elfenbeinturm auf den Pöbel herabschaut?
Es gibt doch durchaus so einige überaus positive Beispiele, wie gute Wissenschaftskommunikation aussehen kann – man schaue sich nur mal bei scienceblogs.de um. Warum nehmen sich daran nicht mehr Wissenschaftler ein Beispiel? Wer es nicht gebacken bekommt, schwierige Themen so aufzubereiten, dass es auch Laien verstehen, hat entweder sein eigenes Fachgebiet nicht verstanden oder gehörige Selbstwertprobleme, wenn er sich zwanghaft von anderen abgrenzen muss, um das eigene Ego zu pushen, indem er ausschließlich auf Fachwörter zurückgreift und damit eine Distanz erschafft, die eher schädlich als nützlich ist.

Man muss sich doch nicht wundern, dass Menschen immer häufiger Zuflucht in pseudowissenschaftlichen Heilsversprechungen suchen, wenn die seriöse Wissenschaft einen guten Teil dazu beiträgt, diese Menschen zu verschrecken.
Mal ganz davon abgesehen, dass diese bemüht kompliziert gehaltenen Formulierungen meist auch ziemliches Blendwerk bzw. Seitenfüller darstellen. Sicherlich gibt es Situationen, in denen man um den Gebrauch von Fachbegriffen nicht umhinkommt – aber diese kann man dennoch auf ein nötiges Minimum reduzieren und nicht noch zusätzlich welche erschaffen.
Ein Hoch auf Menschen wie Richard Dawkins oder Lawrence Krauss, denen genau dieses Kunststück hervorragend gelingt.