Recht auf gesundes Leben?

Behinderungen sind scheiße. Tada. Ich hab’s gesagt. Trigger funktioniert? Sehr gut. All jene, die lediglich Spaß an der Empörung haben, können jetzt aufhören zu lesen, mich als Menschenfeind (weiß ich bereits, danke) und Nazi (hab ich, ganz ehrlich, noch gar nie überhaupt nicht gehört) bezeichnen und sich in ihrer moralischen Überlegenheit suhlen.
Die vernunftbegabten restlichen zwei Prozent dürfen aber gerne weiterlesen.

Die Kunst liegt darin, zu erkennen, wen ich denn überhaupt meine. Mir geht es gerade nicht um die bereits lebenden behinderten Menschen, sondern um jene, die sich noch im Potentialbereich befinden, quasi Prä-Menschen.
Während der letzten Jahre gab es immer mal wieder Debatten darüber, ob es „legitim“ bzw. „moralisch richtig“ sei, pränatal ins Erbgut von Menschen einzugreifen und dieses gezielt zu manipulieren – meist mit der Absicht, das Risiko für Erbkrankheiten zu minimieren. Mal ganz davon abgesehen, dass gerade in puncto der tatsächlichen Veränderung noch einige Forschung nötig ist, um diese wirklich effektiv vornehmen zu können, ist die philosophische Fragestellung ohnehin der weitaus interessantere Aspekt.
Da mich Moral und Legitimität allerdings nicht die Bohne interessieren, es für mich also völlig egal ist, ob das irgendwie „richtig“ oder „falsch“ ist, konzentriere ich mich auf die vorgebrachten Argumente der Kritiker – das ist nämlich bei Weitem unterhaltsamer.

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„Wider die Natur“
Blah. Natur, Natur, alles ist toll, solange es nur möglichst natürlich ist. Meiner bescheidenen Meinung nach ist ja letztlich sowieso alles irgendwie Natur, weil auch der Mensch nur die Mittel nutzt, die er in seiner Umwelt vorfindet, um durch Rekombination neue Dinge zu schaffen, die allerdings ebenfalls Naturgesetzen unterworfen sind – aber was weiß ich schon?
Ich vermute mal, diese „Natur“ bezieht sich auf irgendeine Art von glorifiziertem „Urzustand“ – wie auch immer dieser ausgesehen haben soll. Meiner Erfahrung nach ist ungezähmte Natur in erster Linie tödlich und sorgt dafür, dass du mit 30 verreckst. Muss ich nicht unbedingt haben.
Der Vorwurf liegt nun darin begründet, der Mensch würde sich „über die Natur stellen“ und es „besser wissen“, wenn er sich am Erbgut zu schaffen macht. Mal von der völlig hirnverbrannten Annahme abgesehen, die Natur würde irgendetwas „wissen“, ergo eine Art Bewusstsein besitzen, ist der menschliche Körper natürlich alles andere als ein Sinnbild für Perfektion. Es existieren mehr als genug überflüssige Teile darin, die keine konkrete Funktion erfüllen, aber eben auch keinen Nachteil bringen. Hier anzusetzen und den menschlichen Körper gezielt zu verbessern, ist definitiv nichts, was man vernachlässigen sollte.
Anyway. Der pränatale Eingriff, um Krankheiten zu eliminieren, stellt aus meiner Sicht grundsätzlich eine sehr nette Geste dar, ermöglicht er es dem potentiellen Menschen doch, ein angenehmeres und ungefährlicheres Leben zu führen. Nun existiert aber in vielen Köpfen offenbar die Auffassung, ein behindertes Kind wäre so etwas wie eine persönliche Herausforderung, das man auch noch auf seiner To-Do-Liste des Lebens abhaken muss, um ewige Glückseligkeit zu finden.
Das Kind wird hier nicht mehr als eigenständiges Individuum wahrgenommen, sondern lediglich als Hilfsmittel für die Sinnsuche der Eltern, weil sie es sich selbst „beweisen“ wollen, dass sie auch damit umgehen können.
Konsequenter Vorschlag meinerseits:
Jedes Kind muss das Recht erhalten, die eigenen Eltern bis aufs Blut zu verklagen, wenn diese nicht die Möglichkeit genutzt haben, dem Kind ein gesundes Leben zu ermöglichen. Vielleicht wäre auch eine Art „Arschloch-Pauschale“ für Eltern möglich – die bekommen dann kein Kindergeld mehr, sondern müssen von ihrem Verdienst Geld an das Kind zahlen, weil sie einfach scheiße sind.
Man wird ja wohl noch träumen dürfen.

„Klassengesellschaft“
Hach ja, die ewige Phrase der „ unterdrückten Armen“ gegen die „bösen Reichen“. Neue Technologien stehen erfahrungsgemäß natürlich erst einmal einem eingeschränkten Personenkreis zur Verfügung – eben jenem mit entsprechender Kaufkraft. Allerdings wäre es selten dämlich, würde man den Massenmarkt ignorieren und die Möglichkeit der genetischen Modifizierung nicht auch einem breiterem Spektrum anbieten – und sei es aus schnödem Profitinteresse.

„Ist behindertes Leben denn nichts wert?“
Meh. Jemandem wie mir die Wertfrage zu stellen, sorgt ohnehin für eine faszinierende Abwesenheit von Situationsbewusstsein, weil für mich kein Leben irgendeinen Wert an sich hat – nur überaus dämlich darin begründet, weil es eben zufällig irgendwie krabbelt und atmet und womöglich gar wie ein Mensch aussieht.
Ich stelle hier keine Spekulationen darüber an, ob behinderte Menschen nicht trotzdem auch gerne leben und glücklich sind – das ist sicherlich möglich, aber nicht der entscheidende Punkt. Ein Leben mit Behinderung (geistig oder körperlich ist da egal) stellt immer eine gewisse Einschränkung in puncto Lebensqualität dar – sonst wäre es definitionsgemäß nämlich keine Behinderung, ihr moralisierenden Klugscheißer.
Hand aufs Herz: Vor die Wahl gestellt, ob man lieber gesund und ohne Einschränkungen leben will – oder halt nicht – wer entschiede sich da für ein Leben minderer Qualität?

TTIP – oder: der Untergang des Abendlandes?

Momentan gibt es im Internet eine große Bewegung, die sich auf die Fahne geschrieben hat, die geplanten Freihandelsabkommen TTIP und CETA zu stoppen. Momentan feiern sich die Akteure, weil sie drei Millionen Unterschriften gesammelt haben. Also etwa 0,59% der gesamten EU-Bevölkerung auf ihrer Seite haben. Kalkuliert man in diese Berechnung noch den Anteil der kritischen Stimmen auf der anderen Seite des großen Teichs mit ein, dürfte diese Zahl sogar noch niedriger sein – in Bezug auf die EU. Aber gut. Der Bund für Umwelt- und Naturschutz Deutschland legt eine ganze Reihe von Argumenten vor, die seiner Ansicht nach gegen diese geplanten Freihandelsabkommen sprechen. Da ich seit jeher ein Faible dafür habe, andere Leute auf ihre Fehler hinzuweisen und ihre Argumentation Stück für Stück auseinanderzunehmen, werde ich im Folgenden nun die einzelnen Punkte des BUND einer kritischen Prüfung unterziehen und sie anhand von Primärquellen (soweit möglich) be- oder widerlegen. Viel Spaß damit.

Anmerkung: Ich werde viel mit englischen Zitaten arbeiten und diese nicht übersetzen.

Behauptung I:
„An die Öffentlichkeit geratene Dokumente belegen, dass unter anderem Standards in den Bereichen Chemikalien, Gentechnik, Landwirtschaft und Lebensmittelsicherheit sowie Energie und Klimaschutz zur Debatte stehen. Dies hätte gravierende Folgen:
Denn die Regulierungsansätze der EU und der USA bzw. Kanada unterscheiden sich in vielen Bereichen fundamental. Entsprechend verschieden sind Vorschriften im Umwelt- und Verbraucherschutz oder dem Arbeitsrecht. Wenn derart verschiedene Standards gegenseitig anerkannt werden, wird sich im freien Wettbewerb der jeweils kostengünstigere – und zugleich für Bürgerinnen und Bürger sowie die Umwelt schädlichste – Standard durchsetzen, auf beiden Seiten des Atlantiks.“
Nehmen wir uns einmal ein paar der Unterpunkte vor.

Gentechnik:
„In den USA nehmen die Behörden einen Gentech-Zulassungsantrag in der Regel lediglich zur Kenntnis. Dabei vertrauen sie auf die Angaben des Herstellers, der seinem Produkt attestiert, dass davon keine Gesundheits- oder Umweltgefahren ausgehen. Ein so eingestuftes Gentech-Produkt darf ohne weitere Auflagen vermarktet werden“

Folgendes schreibt die FDA auf ihrer offiziellen Website:

„We regulate human and animal food from genetically engineered (GE) plants like we regulate all food. The existing FDA safety requirements impose a clear legal duty on everyone in the farm to table continuum to market safe foods to consumers, regardless of the process by which such foods are created. It is unlawful to produce, process, store, ship or sell to consumers unsafe foods.
FDA’s role is to ensure that everyone in the farm to table continuum is meeting this obligation. We encourage producers of new foods and food ingredients to consult with FDA when there is a question about an ingredient’s regulatory status. This general practice extends to foods produced using genetic engineering techniques.”

sowie

„Foods from genetically engineered plants intended to be grown in the United States that have been evaluated by FDA through the consultation process have not gone on the market until the FDA’s questions about the safety of such products have been resolved.
[…]
FDA teams of scientists knowledgeable in genetic engineering, toxicology, chemistry, nutrition, and other scientific areas as needed carefully evaluate the safety assessments taking into account relevant data and information.
FDA considers a consultation to be complete only when its team of scientists are satisfied with the developer’s safety assessment and have no further questions regarding safety or regulatory issues.
[…]
Foods from genetically engineered plants that have been evaluated by FDA through the consultation process have not gone on the market until the FDA’s questions about the safety of such products have been resolved.”

Es liegt hierbei also eine grobe Verdrehung der tatsächlichen Umstände vor. Zwar übermitteln die Hersteller der FDA Daten über ihr Produkt, jedoch vertraut diese nicht blindlings darauf, sondern überprüft jegliche Bedenken noch einmal selbst mit eigenen Wissenschaftlern. Die Behauptung, dass keine weitere Prüfung stattfinden würde, ist daher falsch.
Hinzu kommt, dass hier wieder einmal mit völlig unbegründeten Ängsten Stimmung gemacht wird. Bis heute gibt es keinerlei Nachweis für Schädigungen, die durch genetisch veränderte Nahrung verursacht wurden. Die WHO schreibt dazu:

„Generally consumers consider that conventional foods (that have an established record of safe consumption over the history) are safe. Whenever novel varieties of organisms for food use are developed using the traditional breeding methods that had existed before the introduction of gene technology, some of the characteristics of organisms may be altered, either in a positive or a negative way. National food authorities may be called upon to examine the safety of such conventional foods obtained from novel varieties of organisms, but this is not always the case.
In contrast, most national authorities consider that specific assessments are necessary for GM foods. Specific systems have been set up for the rigorous evaluation of GM organisms and GM foods relative to both human health and the environment. Similar evaluations are generally not performed for conventional foods. Hence there currently exists a significant difference in the evaluation process prior to marketing for these two groups of food.
[…]
GM foods currently available on the international market have passed safety assessments and are not likely to present risks for human health. In addition, no effects on human health have been shown as a result of the consumption of such foods by the general population in the countries where they have been approved. Continuous application of safety assessments based on the Codex Alimentarius principles and, where appropriate, adequate post market monitoring, should form the basis for ensuring the safety of GM foods.”
Selbst wenn die internationalen Standards also gesenkt werden, besteht letztlich keine relevante Gefahr. Bitte, werter BUND, ein wenig Nachhilfe in journalistischer Sorgfalt gebe ich immer wieder gern.

Quelle: http://www.euintheus.org/wp-content/uploads/2013/01/iStock_000009920511Small-612x336.jpg
Quelle

Chemikalien und Kosmetik:
„Die EU-Kommission behauptet zwar offiziell, dass sie im Chemikalienrecht keine vollständige Harmonisierung der Gesetze und keine gegenseitige Anerkennung anstrebt. Über die Einführung eines Rats für regulatorische Kooperation können jedoch die Umsetzung von REACH blockiert und eine notwendige Fortentwicklung der Chemikalienpolitik verhindert werden. Zudem hält die EU die gegenseitige „Harmonisierung“ in anderen, ebenfalls chemikalienrelevanten Bereichen wie z. B. Kosmetik für möglich. Während die EU über 1.300 Stoffe in Körperpflege¬produkten verbietet, sind es in den USA lediglich elf.“

Ohne entsprechendes Hintergrundwissen (Und wer besitzt das heutzutage schon noch…?) klingt das alles erst einmal ganz furchtbar. Aber schauen wir uns einmal die tatsächliche Faktenlage an.
Die EU schreibt auf der offiziellen TTIP-Seite Folgendes:
“The EU is only discussing standards and regulations with the US on one strict condition: that we neither give up nor dilute the levels of protection we have in Europe. That goes for health and the environment as well as for consumer protection. Hormone-treated beef is not allowed in the EU, for example, and the planned trade agreement will not change that. Regulatory alignment and mutual recognition will only be possible if real convergence on the required safety and environmental standards is guaranteed.”

Da die EU aber böse ist und nur irgendwas behauptet, wie wir eben gelernt haben, bediene ich mich einmal einer anderen Quelle. Die Heinrich-Böll-Stiftung hat eine recht umfassende Analyse über eben genau diese Befürchtungen angefertigt. Folgendes lässt sich dort nachlesen:
„By contrast, there could not be under the current EU legislative framework an automatic recognition of all substances permitted in cosmetics and safe for human health in the US as permissible within the EU, too. For that, the Regulation itself would have to be changed, involving the Council and the European Parliament. Similarly, modifying the quite detailed labeling requirements would also require an amendment of the Regulation itself, with no scope for independent executive decision-making. Changes to accepted good manufacturing practices could, under the current EU legislative framework, be made mainly through a change in the relevant ISO standard and would thus involve a decision-making process involving many more actors than the US and EU relevant executive actors. Amendments to the guidelines for safety assessments would also require involvement of the SCCP, composed of Member State representatives. In sum, it is not evident that any decisions with a significant impact on protecting the health of EU consumers against risks from cosmetics could be taken by an EU-US RCC and directly be implemented by the EU’s executive branch, the Commission. Some decisions aimed at greater regulatory convergence between the US and EU would require a formal amendment of the Cosmetics Regulation and involvement of the Council and the EP. Others would not, but at least the SCCP, where EU Member States are represented, would have to be involved.”

Oder schauen wir doch einmal gleich in den Vorschlag des Vertragtextes der EU:
„The EU proposal fully recognizes the right of each Party to regulate at the level of protection it considers adequate (this is made clear in the article on objectives, Article 1 paragraph 3). This means that in areas where the EU and the US provide for different systems or levels of protection, such as in chemicals, each side would maintain their own distinct regulatory approaches.”

Hieran erkennt man wieder einmal hervorragend, dass Fakten seitens der Aktivisten massiv verkürzt bzw. falsch dargestellt werden. Es ist eben nicht einfach mal so schnell möglich, durch ein Gremium (den regulatorischen Rat) alle möglichen Vorgaben und Regularien zu ändern. Aber hey, wozu sich mit den Umständen beschäftigen? Das ist doch alles viel zu kompliziert.
In dieselbe Bresche schlägt der Punkt des Tier- und Verbraucherschutzes, weshalb ich darauf nicht noch einmal gesondert eingehen werde, da hier ähnliche Mechanismen greifen.

Behauptung II
„ISDS ermöglicht ausländischen Konzernen, nationales Recht zu umgehen und einen Staat vor privaten Schiedsstellen auf Schadensersatz zu verklagen, wenn sie ihre Profite durch neue Gesetze geschmälert sehen.“

Die EU hat genau zu dieser Befürchtung im Juli 2014 Stellung bezogen. Konkret heißt es im veröffentlichten Bericht dazu:
“The EU also includes exceptions allowing the Parties to take measures relating to the protection of health, the environment, consumers, etc. Additional carve-outs would apply to the audio-visual sector and the granting of subsidies. These are typically included in EU FTAs and also apply to the non-discrimination obligations relating to investment. Such exceptions allow differences in treatment between investors and investments where necessary to achieve public policy objectives
[…]
The intention is to make it clear that an investor cannot legitimately expect that the general regulatory and legal regime will not change. Thus the EU intends to ensure that the standard is not understood to be a „stabilisation obligation“, in other words a guarantee that the legislation of the host state will not change in a way that might negatively affect investors.
[…]
In terms of the procedural aspects relating to ISDS, the objective of the EU is to build a system capable of adapting to the states‘ right to regulate. Wherever greater clarity and precision proves necessary in order to protect the right to regulate, the Parties will have the possibility to adopt interpretations of the investment protection provisions which will be binding on arbitral tribunals. This will allow the Parties to oversee how the agreement is interpreted in practice and, where necessary, to influence the interpretation.
[…]
The EU’s aim is to ensure transparency and openness in the ISDS system under TTIP. The EU will include provisions to guarantee that hearings are open and that all documents are available to the public.”

Das alles sind nur kurze Auszüge aus dem verlinkten Bericht. Man sieht hier aber sehr deutlich, dass die Position der EU eine klare Linie zugunsten der Mitgliedsstaaten erkennen lässt. Es werden umfassende Rechte der Einflussnahme gewährt und es ist keineswegs so wie der BUND weiter behauptet:
„Staaten können dabei nur verlieren: Nur ausländische Investoren haben Klagerechte – umgekehrt dürfen Staaten nicht gegen Unternehmen klagen. Gewinnen Unternehmen einen Fall, können sie oftmals mit Millionenentschädigungen rechnen. Unternehmerische Risiken von Investitionen würden mit ISDS auf diese Weise sozialisiert, während Gewinne bei den Unternehmen bleiben.“

Um genau das eben zu verhindern, heißt es weiter:
„The EU would like to introduce several instruments in TTIP to quickly dismiss frivolous claims. ISDS tribunals will be required to dismiss claims that are obviously without legal merit or legally unfounded. This provides an early and effective filtering mechanism for frivolous claims thereby avoiding a lengthy litigation process. To further discourage unfounded claims, the EU is proposing that the losing party should bear all costs of the proceedings.”

Quelle
Quelle

 

Behauptung III:
“Zudem können Dienste, die einmal privatisiert wurden, nicht wieder re-kommunalisiert werden. Wenn also zum Beispiel in einer Kommune die Energieversorgung privat bereitgestellt wird und die Kommune aufgrund von schlechten Erfahrungen die Versorgung wieder selbst in die Hand nehmen möchte, so ist dies mit TTIP, TiSA und CETA nicht mehr möglich. Hierdurch wird die Autonomie von Kommunen stark eingeschränkt.“

Diese Behauptung stellt tatsächlich nicht nur eine Verdrehung dar, sondern ist schlicht komplett erlogen. Im veröffentlichten Factsheet der EU heißt es dazu:
„Nothing in TTIP would stop a government from bringing an outsourced public service back into the public sector. And not renewing a company’s contract to provide a public service would give no grounds for compensation.”

Damit wären die entscheidenden Punkte des BUND anhand dessen, was er kritisiert, komplett widerlegt. Es wird hier nicht nur massiv mit Einsparungen und Verdrehungen gearbeitet, sondern teilweise auch mit schlichten Falschdarstellungen. Wir haben also gerade drei Millionen Menschen, die einer Agenda zustimmen und wegen ihr auf die Straße gehen, die nichts weiter als ein halbgares Machwerk aus stumpfen Thesen ist, die sich mit ein wenig Recherche und Geduld sehr schnell widerlegen lassen.
Die Verhandlungen zu TTIP sind die transparentesten, die je bisher in dieser Hinsicht geführt wurden. Gerade weil die Öffentlichkeit, allen vor NGOs, so ein großes Interesse daran hat. Alle Kritikpunkte lassen sich allein anhand der öffentlich verfügbaren (Vertrags)Texte entkräften – und doch erhält die Kampagne vergleichsweise große Zustimmung.
Ein wenig erinnert mich das Ganze an die PEGIDA-Bewegung. Da laufen ein Haufen Vollidioten stumpfen Parolen hinterher, obwohl sie keine Ahnung haben, worum es eigentlich geht und sich nie wirklich mit der Materie auseinandergesetzt haben. Ironischerweise demonstrieren gerade die Leute gegen TTIP und Co., die PEGIDA total doof finden – obwohl sie von „ihrem“ Thema ebenso keinen Schimmer haben.
Bin ich eigentlich wirklich nur von Vollidioten umgeben, die einfach vorgefertigte Meinungen übernehmen, losbrüllen und sich so unglaublich leicht manipulieren lassen? Wenn rechts oder links zu sein letztlich bedeutet, den Verstand an der Garderobe abzugeben, bleibe ich nur allzu gerne liberal – auch wenn ich dann immer der Arsch bin, der den anderen die Party versaut.

Eine Krise – eine Regel

Momentan scheint es ja nur zwei Extreme zu geben:
1. Flüchtlinge sind eine Gefahr für Europa, die Menschen hier und deren Werte.
2. Flüchtlinge sind eine Chance und wir tun gut daran, alles zu tun, um jeden aufzunehmen.

Ich für meinen Teil finde ja beide Positionen bescheuert. Warum? Weil mir niemand erzählen kann, dass unter 800.000 Flüchtlingen keine Arschlöcher dabei sind. Ebenso wage ich zu bezweifeln, dass das alles (potentielle) Terroristen sind. Daher wäre eine standardisierte Überprüfung aller durchaus sinnvoll, um die Arschlöcher auszusieben. Wie die aussehen soll? Keine Ahnung, ist auch nicht meine Aufgabe, das herauszufinden. Ich lehne mich nur zurück und sage, was meiner Meinung nach beschissen läuft – was eine überaus bequeme Position ist.
Der Westen hätte jetzt die Chance, das wieder einigermaßen gerade zu biegen, was er vor Jahren verbockt hat, als er sich weigerte, in Syrien zu intervenieren und das Land dem Bürgerkrieg überließ. Stattdessen verlieren aber allesamt den Kopf und hyperventilieren entweder halb besoffen #refugeeswelcome oder schwafeln vom Untergang des Abendlandes.
Ich persönlich sehe es nicht so, dass es eine Pflicht zum Helfen gibt – das ist mir einfach zu viel Moralgesülze. Ebenso kotze ich aber in gleichem Maße auf irgendwelche abstrakten Werte, die letztlich nur die Borniertheit der hier lebenden Menschen widerspiegeln. Es gibt nur eine einzige, grundlegende Regel, nach der jede Gesellschaft friedlich funktionieren kann und die für jeden Menschen gelten sollte:

„Geh mir nicht auf die Eier.“

Ich muss dem Penner am Bahnhof ebenso wenig Geld oder Essen geben, wie ich das gegenüber einem Flüchtling muss. Es ist mein WILLE, wenn ich es tun sollte – aber eine Pflicht dazu besteht nicht. Genauso darf aber natürlich gerne auch ein jeder, der sich dazu berufen fühlt, all sein Hab und Gut spenden – mir ist das herzlich egal, solange er nicht dasselbe von mir verlangt.
Ich muss nicht die „Ehe“ oder die „traditionelle Familie“ beschützen – weil mir beides am Arsch vorbeigeht. Wem das wichtig ist, bitte, soll er halt so leben, aber halt die Luft an und laber mich damit nicht voll.
Die Konsequenz, die sich aus der Zuwanderung einer weitestgehend stark religiösen Gruppierung ergibt, sollte daher nicht, wie von Merkel gefordert, mehr Christlichkeit sein, sondern ganz im Gegenteil: mehr Atheismus, mehr Aufklärung, mehr Religionskritik, mehr Satire, mehr Spott. Meine Lieblingsidee zur Flüchtlingsselektion (ich böser, böser Mensch), ist daher folgende:

kurt_westergaard_mohammed_cartoon-8Man nehme allerlei religiöse Karikaturen (z.B. von Charlie Hebdo, Kurt Westergaard, etc.) und zeige diese nacheinander den hier ankommenden Flüchtlingen. All jene, die daraufhin wutentbrannt reagieren, werden postwendend zurück in die Wüste geschickt. Alle, die darüber lachen können, werden aufgenommen, denn die haben wahrscheinlich noch alle Tassen im Schrank.

Ich finde ja, dass das ein äußerst effektiver Weg ist, um mit der ganzen Situation umzugehen. Einerseits holt man sich intelligente Leute ins Land, andererseits gräbt man den ganzen Spinnern von PEGIDA und Co. das Wasser ab, weil die sich schlecht über Leute beschweren können, denen der Islam völlig egal ist, weil sie selbst Atheisten sind. In meinen Augen ist das doch die perfekte Win-Win-Situation.

Inzest für alle?

Da zieht jetzt also alle Welt über Kramp-Karrenbauer her, weil sie nicht unbedingt das Cleverste in Bezug auf Homosexuelle gesagt hat. Hm. Kann man machen. Oder man registriert das als eine von vielen anderen schwachsinnigen Positionen und regt sich nicht so künstlich darüber auf.
Ich find es auch nicht cool, wenn sich Homosexuelle öffentlich ablecken.

Claude Truong-Ngoc / Wikimedia Commons - cc-by-sa-3.0
Claude Truong-Ngoc / Wikimedia Commons – cc-by-sa-3.0

Weiterlesen hilft.
Ich finde es ebenso nicht cool, heterosexuellen Pärchen dabei zusehen zu müssen, wie sie sich gegenseitig auffressen. Ich finde auch fette Menschen, die sich in viel zu Enge Kleider pressen uncool. Oder Betrunkene, die lauthals grölen und mir damit auf die Eier gehen. Oder Raucher, die mich aufgrund meines Jobs zum Passivrauchen zwingen und somit mein Lungenkrebsrisiko erhöhen. Oder habe ich schon erwähnt, wie abgrundtief ich dumme Menschen verabscheue? Menschen, bei denen der eigene IQ bereits sinkt, wenn man sie nur ansieht? Oder diese ganzen Möchtegernalternativen. Oder Pseudorevolutionäre. Hobbyphilosophen und Weltverbesserer. Oder diese zynischen Arschlöcher, die vorgeben, dass ihnen alles ach so egal ist und am Ende freuen sie sich trotzdem darüber, wenn ihnen Anerkennung zuteil wird. Oder oder oder.

Ich hab da einen super Vorschlag:
Der Staat hält sich weitestgehend aus privaten Lebensentwürfen raus – weder benachteiligt noch bevorteilt er sie und jeder, der sich davon angepisst fühlt, kommt mal wieder klar und widersteht der Versuchung, bei jeder Banalität die Moralpolizei zu rufen.
Statt ‪#‎ehefüralle‬ bin ich ja eher für ‪#‎machtwasihrwollt‬.
Dann kann ich wenigstens in Ruhe auch weiterhin jedem ans Bein pissen und ihm trotzdem nicht verbieten wollen, das zu tun, warum ich ihn anpisse. Deal?

Deutscher Humor.

Deutschland, ich mag dich. Doch, wirklich, ganz ehrlich. Weil du so simpel gestrickt bist. So vorhersehbar. Da weiß man wenigstens, woran man ist.
Jüngster Aufreger der Nation ist dieses Mal dieses Video von JuliensBlog.

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Jeder, dessen IQ im Normalbereich liegt, sollte langsam verstanden haben, dass Julien bewusst provoziert und Grenzen des guten Geschmacks überschreitet. Ich lese in den Kommentaren diverser Medien, dass das furchtbar wäre und sicherlich kein schwarzer Humor ist, weil auch dieser Grenzen hätte. Sollte ich jetzt eigentlich lachen oder weinen angesichts so viel Blödheit?

Ok, für die ganzen Blitzmerker und Humorbehinderten schaue ich einmal kurz, was Tante Wiki dazu sagt:

„Als schwarzer Humor wird Humor bezeichnet, der Verbrechen, Krankheit, Tod und ähnliche Themen, für die gewöhnlich eine Abhandlung in ernster Form erwartet wird, in satirischer oder bewusst verharmlosender Weise verwendet. Oft bezieht er sich auf Zeitthemen. Schwarzer Humor bedient sich häufig paradoxer Stilfiguren. Nicht selten löst er Kontroversen aus darüber, ob man sich über die genannten Dinge lustig machen dürfe und wo die Grenzen des guten Geschmacks lägen; besonders ist dies der Fall, wenn religiöse und sexuelle Themen und tragische Ereignisse zum Gegenstand genommen werden.“

Nochmal zum Mitschreiben:

„oder bewusst verharmlosender Weise verwendet.“

Oh. Julien verharmlost den Holocaust, indem er sagt, die Lokführer sollten vergast werden? Und das soll plötzlich kein schwarzer Humor sein? Verdammt. Also entweder irrt sich Tante Wiki oder schwarzer Humor ist eben genau das, was Julien seit jeher macht – bewusstes Grenzen überschreiten.
Viel faszinierender wird die ganze Aufregung allerdings noch, wenn man sich einmal gewisser Umstände bewusst wird.
Als vor ein paar Monaten die Charlie-Hebdo-Redaktion von ein paar islamistischen Vollidioten zusammengeballert wurde, waren hinterer (fast) alle „je suis Charlie“ – haben Lobreden auf die Meinungsfreiheit gehalten und wie wichtig eben diese auch bei kontroversen Beiträgen wäre. Aber wie zu erwarten, ist das menschliche Gedächtnis ziemlich gut darin, Ereignisse zu verdrängen und in alte Muster zu verfallen. Da kommt es recht schnell zu Aussagen wie

„Meinungsfreiheit ist wichtig und schützenswert, ABER…“

Fick dich. Wer Meinungsfreiheit mit dem Wort „aber“ in dieser Weise kombiniert, hat absolut gar nichts verstanden. Meinungsfreiheit schützen, durch die Einschränkung eben dieser? Ich finde Logik ja auch völlig überbewertet.
Denken wir einmal knapp drei Jahre zurück. Damals empörte sich alle Welt über den Film „Innocence of Muslims“. Allgemeiner Konsens war, wie ach so schlimm das wäre und diskriminierend und überhaupt blablub. Glücklicherweise gab es aber auch damals bereits ein paar Stimmen der Vernunft. So schrieb Frank A. Meyer in einem Beitrag für blick.ch folgende unglaublich wichtigen Worte:

„Was ist Freiheit wert, wenn sie nicht auch Freiheit zur Provokation bedeutet? Wer zur Zufriedenheit aller filmt und redet und schreibt, bedarf der Freiheit nicht. Freiheit bietet Schutz für das Unangepasste, das Abwegige, das Missglückte, das Bös¬gemeinte, auch für den schlechten Geschmack.“

Wer nur erlaubt, was allgemein akzeptiert und gut ist, der bedarf keiner Freiheit mehr und hat ihren intrinsischen Wert schlicht nicht verstanden. Faszinierend ist daran auch, dass man „Innocence of Muslims“ gemeinhin verurteilt hat, während Charlie Hebdo sehr viel Anteilnahme erfuhr. Ein Zyniker könnte jetzt sagen, dass also erst einmal ein paar Menschen sterben müssen, bevor diese sich dann ihr Recht auf Meinungsfreiheit verdient haben. Bringt ihnen zwar nicht mehr allzu viel, aber hey, wir sind mal alle kurz betroffen und sagen, wie wichtig diese Freiheit ist und dass sie nicht verloren gehen darf. Und ein paar Wochen später fangen wir dann an zu relativieren. Und wieder etwas später ignorieren wir das alles und fordern erneut Einschränkungen. Wisst ihr, wie man so etwas gemeinhin nennt? Richtig. Heuchler.
Und was macht man mit Heuchlern? Richtig. An die Wand stellen und standrechtlich erschießen.
Nachdem das also nun geklärt wäre, zurück zum eigentlichen Thema und den Reaktionen darauf.

Welch Geistes Kind die selbsternannten Moralisten und Sittenwächter sind, kann man anhand solcher Aussagen sehr gut erkennen:

„dass dieses sadistische Gegeifer von diesem Julien weder etwas mit Humor, auch nicht mit schwarzem Humor und schon garnichts mit Satire zu tun hat.
[…]
Ich lache auch wenn Nazis zusammengeschlagen werden. Das hat aber nichts mit Humor zu tun, sondern viel eher etwas mit meinen (berechtigten) Bestrafungswünschen Nazis gegenüber und der Befriedigung selbiger.“

Quelle

Da findet es jemand also einerseits schlimm, wenn Julien Holocaustwitze macht, andererseits ist es völlig legitim, wenn andere Menschen zusammengeschlagen werden, weil einem selbst deren Ansichten nicht gefallen. Hm. Wie bezeichnete man das noch gleich, wenn andere Menschen mittels Gewalt aufgrund ihrer Ansichten unterdrückt werden…was war das noch gleich…hm…
Es ist wirklich immer wieder interessant, wie leicht es den Menschen fällt, so einfach mit doppelten Standards zu leben.
Auch Vice springt auf den allgemeinen Empörungszug (höhö) auf und schreibt:

„Das soll schwarzer Humor sein, ist aber keiner. Das ist auch keine gelungene Satire, sondern einfach nur ein menschenverachtender, auf erbärmliche Art und Weise nach Applaus heischender Kleinbürger-Wutanfall.“

Mir erscheint, ich habe etwas sehr Grundlegendes verpasst. Alle möglichen Leute sagen, dass das, was Julien fabriziert, sei kein schwarzer Humor. Ok, Gegenfrage: Was ist dann schwarzer Humor? Offensichtlich nicht das, wie Wikipedia es definiert, denn dann käme diese Behauptung nicht auf. Doch es interessiert mich wirklich brennend, wie konkret dann die Definition aussehen soll und wo genau die Abgrenzung zu „normalem“ Humor besteht.

Mir erscheint, die meisten Menschen, die sich jetzt so angepisst fühlen, haben tatsächlich etwas Fundamentales nicht verstanden.
Humor kennt keine Grenzen, darf keine Grenzen kennen.
Humor ist etwas grundlegend Positives – wer Humor verbietet, sei es aus Gründen des Anstands, der Ästhetik oder subjektiven Wertvorstellungen erschafft damit eine Verbotskultur, die alles, was ihr unangenehm erscheint, reflexartig wegsperrt.
Humor ist DAS Symbol für Freiheit, für Unabhängigkeit – wer über etwas lacht, hat keine Angst mehr davor, lässt sich nicht von gegenteiligen Ansichten einschüchtern oder beirren. Genau das ist auch der Grund, weshalb jedes autoritäre System zuerst den Humor einschränkt – weil man nur zu gut weiß, wie befreiend dieser wirken kann.
In dieselbe Kerbe schlägt daher auch der großartige Ludwig von Mises, als er schrieb:

“Der Liberalismus fordert Duldung auch offenbar unsinniger Lehren, wahnwitzigen Irrglaubens und kindlich-blöden Aberglaubens. Er fordert Duldung für Lehren und Meinungen, die er als der Gesellschaft schädlich und verderblich erachtet, für Richtungen, die er zu bekämpfen nicht müde wird. Denn das, was ihn veranlasst, Duldung zu fordern und zu gewähren, ist nicht die Rücksicht auf den Inhalt der zu duldenden Lehre, sondern die Erkenntnis, dass nur die Duldung den gesellschaftlichen Friedenszustand schaffen und bewahren kann, ohne den die Menschheit in Unkultur und in die Armut längstverflossener Jahrhunderte zurückfallen müsste. Den Kampf gegen das Dumme, das Unsinnige, das Irrige, das Böse führt der Liberale mit den Waffen des Geistes und nicht mit roher Gewalt und Unterdrückung.”

Statt sich also zu freuen, wenn andere Menschen aufgrund ihrer Meinung zusammengeschlagen werden und im gleichen Atemzug Julien doof finden (siehe oben), sollten eben jene Moralisten sich eingehend selbst reflektieren und den gigantischen Widerspruch in ihrer Attitüde erkennen.

Man kann nicht „Je suis Charlie“ und gleichzeitig „Ich bin für Meinungsfreiheit, aber…“ sagen.

Fett ist hip!

Wat8
Eine echte Frau braucht Kurven!

Liegt es eigentlich an mir oder warum ist diese ganze Hysterie a la ‪#‎fatacceptance‬ und ‪#‎beachbody‬ so unsagbar bekloppt? Da wird adipöses Übergewicht derart zelebriert und als Lifestyle gefeiert, dass man sich ernsthaft fragen muss, wie realitätsfern manche Menschen leben. Es ist ja toll, wenn alle möglichen Leute ihre schwabbeligen Fleischberge total normal oder gar sexy finden – das macht es aber weder gesünder noch verleiht es einen Freifahrtsschein zur reflexmäßigen Beleidigung all jener Menschen, die es wagen, an diesem Fettkult Kritik zu üben.
Ihr seid nicht gesund, ihr seid nicht toll, ihr seid nicht attraktiv – ihr seid einfach nur zu bequem, euch vernünftig zu ernähren und Sport zu betreiben.
Wird Zeit, dass ihr euch das endlich unter eure Speckröllchen schreibt.

Warum ich nicht links bin. (Part I)

Meine Gedanken kreisen schon seit geraumer Zeit darum, meine persönliche politische Philosophie niederzuschreiben – einerseits für mich selbst, andererseits, um immer wieder aufkommende Missverständnisse auszuräumen. Der philosophisch versierte Leser wird die Anspielung im Titel auf den großartigen Bertrand Russell sicherlich erkannt haben und auch wenn ich wohl mit seiner Wortgewalt nicht vollends mithalten kann, erschien mir der Titel durchaus passend. War Russell doch einer der vielen Denker, die mich auf dem Weg zu meinem heutigen Weltbild begleitet und geführt haben.

Bertrand Russell
Bertrand Russell (Quelle: brainpickings.org)

Ich werde immer wieder gefragt, welche politische Einstellung ich habe und warum. Gemeinhin vermeide ich das Wort „liberal“ am Anfang eher, vor Allem aufgrund seiner mittlerweile eher negativen Konnotation. Häufige nutze ich daher lieber diese Formulierung:
„Geh‘ mir nicht auf die Eier und wir werden die besten Freunde.“
Das ist, etwas zugespitzt, letztlich das grundlegende liberale Credo. Es beinhaltet die Selbstverantwortlichkeit, Privatsphäre und jegliche Individualrechte. Interessanterweise können viele meiner Gesprächspartner dieser Aussage zustimmen – sobald ich jedoch dazusage, dass ich liberal bin, sind sie überrascht, weil für sie Liberalismus etwas zutiefst Antisoziales und Gesellschaftsschädigendes ist.
An dieser Stelle ist es dann immer sehr hilfreich, wenn ich ihnen meinen eigenen politischen Werdegang näher erläutere.

Wir alle waren früher etwas Anderes.
„Wer mit 20 kein Kommunist ist, besitzt kein Herz – wer mit 40 immer noch Kommunist ist, keinen Verstand.“
So abgedroschen diese Floskel mittlerweile auch sein mag – so zutreffend ist sie jedoch auch. In meiner Jugendzeit war ich das, was man wohl als „sehr links“ bezeichnen kann. Ich vermeide bewusst den Begriff „linksextrem“, da dieser in meinen Augen Gewaltanwendung impliziert – welche ich jedoch immer abgelehnt habe (zumindest in politischen Auseinandersetzungen). Trotzdem war ich viele Jahre lang in der linken Szene verwurzelt, Mitglied der Linksjugend und regelmäßiger Demogänger. Ich kenne das Gefühl, in einem schwarzen Block mit 200 Autonomen zu stehen und die gleichen Sprechchöre zu brüllen. Ich kenne die beunruhigende Gruppendynamik, die dabei entsteht, das freigesetzte Adrenalin, die Bestätigung, die man erfährt. Man beginnt, sich nicht mehr als Individuum zu sehen, sondern versteht sich als Teil eines größeren Kollektivs, das ein übergeordnetes Ziel verfolgt, hinter dem die eigenen Interessen zurückfallen.
Bezeichnend war hierfür ebenfalls, wie bereitwillig und unkritisch ich antisemitische Propaganda übernahm. Lange Zeit war ich tatsächlich davon überzeugt, Israel würde an den Palästinenser einen zweiten Holocaust durchführen. Dass die Juden nichts aus ihrer Vergangenheit gelernt hatten und so weiter. Ich war tatsächlich davon überzeugt, Antizionismus sei kein Antisemitismus. Welch ein fataler Irrglaube. Dass diese Denkmuster letztlich doch noch aufgebrochen wurden, verdanke ich vor allem einem guten Freund, den ich ein paar Jahre später kennenlernen sollte. Doch bis dahin sollte es noch dauern und ich weiter daran glauben, ich allein hätte die Welt und ihre Funktionsweise verstanden.
Ich fühlte mich in einer moralisch-intellektuell überlegenen Position gegenüber all jenen, die meine Ansichten nicht teilten – eine Arroganz, die mir mittlerweile auch selbst sehr häufig bei vielen Linken auffällt.

13. Februar 2011
Wie viele sicherlich wissen, marschierten jährlich hunderte Neonazis am 13. Februar durch Dresden, in Gedenken des „Bombenholocausts“. Eine Veranstaltung, die maßgeblich zum Hofieren des deutschen Opfermythos genutzt wurde – Geschichtsrevisionismus inklusive.
Wie es sich für einen guten Linken gehörte, war ich natürlich ebenso wieder dabei, um mich der Gegendemonstration anzuschließen. Wer später die Medienberichte verfolgt hat, könnte meinen, Dresden gleiche einem Kriegsgebiet – und auf viele Stellen traf das wohl auch zu. Mein einschneidendes Erlebnis und damit auch mein persönlicher Bruch mit der linken Szene fand ebenfalls an diesem Tag statt.
Ein Bus voller Neonazis fuhr an uns vorüber und plötzlich hörten wir nur noch laute Schreie
„DER BUS! DER BUS! DER BUS!“ – und aus einer Seitenstraße stürmten ca. 30 vermummte Autonome, die sofort damit begannen, dem Bus mit Steinen, Stöcken und Fahnenstangen zu Leibe zu rücken. Man konnte die Angst der Nazis im Bus sehen und in diesem Moment wurde mir klar, dass hier etwas grundlegend falsch läuft. So hart bekloppt Nazis und ihre Ideologie auch sein mögen – waren wir wirklich besser als sie, wenn wir uns derselben Mittel, nämlich Einschüchterung durch Gewalt, bedienten?
Ich war noch nie so froh, einen Trupp schwer gepanzerter Polizisten zu sehen, die im Eiltempo auf den Bus zuliefen, um ihn aus der Gefahrenzone zu eskortieren und die Autonomen zu vertreiben.
Natürlich brach ich nicht sofort mit Allem, was mir während der letzten Jahre wichtig war, doch der erste Keim war gesetzt und sollte während der nächsten Monate und Jahre zu einer immer stärker werdenden Idee heranwachsen.

Ich begann also, mich wirklich damit auseinanderzusetzen, woran ich glaubte. Das mag auf einen rationalen Menschen erst einmal seltsam klingen. Man könnte doch eigentlich erwarten, dass man sich immer erst einmal damit beschäftigt, bevor man eine Überzeugung als die eigene annimmt. Aber, ach, welch Naivität. Ebenso wie das die wenigsten religiösen Menschen tun, die in westlich geprägten Industrienationen groß geworden sind, machen sich auch Anhänger politischer Ideologien selten die Mühe, sich damit wirklich tiefgreifend zu beschäftigen. Was vielerorts auch gar nicht gewollt ist. Es geht vor Allem um das Schaffen klarer Feindbilder, eines Gut-Böse-Dualismus und eines Wir-gegen-die-Gefühls. Ihr glaubt mir nicht?
Geht in die Kirche und fragt, wer wirklich die ganze Bibel gelesen hat und wenn ihr Spaß haben wollt, fragt, ob jemand an Drachen glaubt (s. Offenbarung des Johannes – 12,1).
Oder geht zu einem linken Infostand oder Büro und fragt, wer je wirklich die drei Bände des „Kapitals“ gelesen hat (übrigens eine sterbenslangweilige Lektüre). Wer von ihnen hat sich je mit Rousseau auseinandergesetzt? Oder mit Bakunin? Oder, oder, oder.

Mein Abschied vom Himmel
Rückblickend betrachtet, war das Interessanteste an meiner Entwicklung aber nicht so sehr mein Bruch mit der linken Szene, sondern meine immer stärker zunehmende Rationalisierung und Ablehnung metaphysischer Systeme bzw. Ideologien. Je liberaler ich wurde, desto entschiedener wurde ebenso auch meine Kritik an all jenen Strömungen, die es sich zur Aufgabe gemacht hatten, den Menschen in ein bestimmtes Korsett zu pressen und ihm alle nur möglichen Freiheiten unmöglich, oder zumindest unbehaglich zu machen.
Bezeichnete ich mich lange Zeit „nur“ als Agnostiker, änderte sich das, nachdem ich begann, die Bibel und den Koran zu lesen. Auch hatte sich meine Religionskritik bis dahin besonders aufs Christentum bezogen, da ich die Auffassung vieler Linker teilte, Kritik am Islam wäre per se rassistisch und würde nur rechte Ressentiments bedienen. Ein Irrtum, den es mir glücklicherweise abzulegen gelang. Setzte ich mich zuvor immer intensiver mit meiner politischen Überzeugung auseinander, sollte es nun der Religion an den Kragen gehen, weshalb ich viele Stunden damit verbrachte, mich durch die verschiedensten theologischen Streitereien, Kritiken, Anfeindungen, etc. zu lesen. Je areligiöser ich wurde, desto stärker prägte sich ebenso mein Skeptizismus aus.

Man muss dazu sagen, dass ich nicht untertreibe, wenn ich sage, dass ich in einer Familie aufwuchs, die von esoterischem Bullshit maßgeblich geprägt wurde. Geistheilen, Aurasehen, belebtes Wasser, Energiepunkte, Chakren, Wünschelruten, Impfkritik, Homöopathie, MMS, Chemtrails, Reptiloiden, Schamanismus und vieles mehr waren für mich keine Fremdwörter, sondern prägten mich einen großen Teil meiner Kindheit und Jugend. Auch ich nahm vieles davon jahrelang für bare Münze, glaubte, Teil eines erlesenen, ja, auserwählten Kreises zu sein, der eine Art geheimes Wissen besaß. Meine Familie gab und gibt enorme finanzielle Summen (gemessen an ihrem Einkommen) aus, um weiterhin Teil dieses Zirkels zu sein. Heute halte ich es für einen der größten Fehler des deutschen Strafrechts, dass hier nicht hart genug gegen offensichtliche Betrüger vorgegangen wird – Homöopathie wird teilweise sogar von den Krankenkassen getragen. Willkommen in der Welt des esoterischen Bullshits. Dieselben Leute, die sich für aufgeklärt halten und Religion als etwas Antiquiertes ablehnen, bestellen im nächsten Moment ihre Wünsche beim Universum. So viel dazu.
Es erscheint mir durchaus bezeichnend, dass viele Menschen, die sich selbst als links und/oder grün verstehen, große Schnittmengen mit esoterischen Welterklärungsmustern teilen und natürlich ebenso affin für allerlei Verschwörungstheorien sind, die in der Esoterikszene längst zum guten Ton gehören. Die vier Hauptschuldigen sind so auch schnell ermittelt:
Die USA (CIA), Israel (Mossad), der Westen oder der Kapitalismus.
Das sind die Lieblingsfeindbilder der globalen Linken, welche sich je nach Anlass in unterschiedlichster Weise kombinieren lassen. Moment, sagte ich der Linken? Pardon, ich vergaß – wer sich auf den einschlägigen Internetseiten herumtreibt und der Propaganda entsprechender Parteien zuhört, wird schnell erkennen, dass kaum mehr ein Unterscheidungsmerkmal zwischen links und rechts existiert – die Feinbilder sind in vielen Fällen nämlich nahezu identisch. Man nennt es wohl Ironie der Geschichte, dass Linke und Rechte letztlich gegen einen gemeinsamen Feind kämpfen – wenn auch aus unterschiedlichen Motiven heraus.
Ich für meinen Teil sehe darin einen hervorragenden Indikator, dass man genau dann auf dem richtigen Weg ist, wenn das eigene Handeln Linke wie Rechte anpisst. Deshalb mag uns Liberale auch niemand – weil wir keinerlei Kollektive befürworten, weil wir den Menschen eigene Entscheidungen zugestehen und sie so wenig wie möglich bevormunden möchten. Der Liberale sitzt immer zwischen den Stühlen – er kann es naturgemäß niemandem rechtmachen. Er maßt sich nicht an, die besten Ideen für alle Menschen zu haben, weil er genau weiß, wie unterschiedlich die Menschen sind und dass ein jeder variierende Bedürfnisse und Vorstellungen hat. Einen Masterplan, der Glück für alle verspricht, kann der Liberale nicht liefern –dessen ist er sich bewusst – und genau deshalb bleibt er auch unbequem und wird nicht in absehbarer Zeit die Anerkennung bekommen, die er verdient. Er will nicht führen – aber er will ebenso wenig folgen. Er will den Menschen die Freiheit geben, selbst zu entscheiden, was sie glücklich macht – aber ihnen ebenso die Möglichkeit geben, Fehler zu machen, zu scheitern – um daraus zu lernen und zu wachsen. Der Liberale will, dass der Mensch für sich selbst Verantwortung übernimmt – einen goldenen Käfig lehnt er rigoros ab.
Diese Prinzipien sind unattraktiv. Sie sind anstrengend und bieten keine einfachen Lösungen für komplexe Probleme an.

To be continued…

Pegida ist eine Karikatur ihrer selbst

Wie sonst will man verstehen, dass dort, wo 75 % der Bürger erklärt und offiziell konfessionslos sind, angeblich das christliche Abendland verteidigt wird, während z.B. in Bayern, wo der Anteil der Christen rund 74% beträgt (also genau umgekehrt sozusagen), jegliche Pegida-Ableger eine winzige Lachnummer waren?

Dazu lässt sich der Migrantenanteil in Sachsen besser in Promille als in Prozent ausdrucken, während in bayerischen Städten wie Augsburg schon 43,4 % (!) der Einwohner einen Migrationshintergrund haben.
Verrückterweise kommen die trotzdem ohne ein „Augida“ super zurecht.Schaut man sich die Arbeitslosigkeit in Bayern an, wird es noch seltsamer – diese ist nämlich viel niedriger als z.B. in Sachsen. Auch in strukturschwachen Regionen, die es in Bayern natürlich auch gibt. Gleichzeitig ist die Kriminalitätsrate und die Armutsquote in Bayern niedriger als in jedem anderen Bundesland. Auch die Einkommen sind im Durchschnitt viel höher als weiter im Norden, also nicht nur „mehr Jobs“ sondern auch „bessere Jobs“.

Wäre ich Populist, würde ich aus diesen Daten folgern, dass ein hoher Deutschenanteil der Bevölkerung negative Folgen hat:
steigende Arbeitslosigkeit, Kriminalität und schlechte Einkommen.

Idioten.

Um in Deutschland alleine Auto fahren zu dürfen, muss man mindestens 18 Jahre alt sein und benötigt eine spezielle Zulassung. Das soll sicherstellen, dass andere Menschen im Straßenverkehr nicht unnötig gefährdet werden und ist sicherlich nicht die dümmste Idee.

Um ein Kind zu zeugen, bedarf es keiner gesonderten Zulassung und das Alter spielt jetzt auch eher die zweite Geige. Wenn ich diesem Kind dann auch noch den Impfschutz verweigere, es sogar noch „Masernpartys“ oder ähnlichem Hirnfick aussetze und am Ende dafür sorge, dass die Herdenimmunität abnimmt, fällt das nicht, wie der gesunde Menschenverstand annehmen könnte, unter schwere Kindesmisshandlung und Gefährdung der Allgemeinheit, sondern wird, wenn überhaupt, nur marginal verfolgt.

Warum darf sich also augenscheinlich jeder Vollidiot reproduzieren, aber ich brauche immer noch einen Waffenschein, wenn ich mit einer Schusswaffe auf Pappscheiben schießen will? Immerhin verwandle ich mich dadurch nicht in eine laufende Biowaffe, die wahllos jeden attackiert, sondern kann auch gezielt zur Verantwortung gezogen werden, wenn ich Scheiße baue.

PS: Nein, die böse Pharmalobby bezahlt mich nicht für diesen Beitrag, ihr „Impfkritiker“ seid einfach nur hart bekloppt.