Warum ich nicht links bin. (Part I)

Meine Gedanken kreisen schon seit geraumer Zeit darum, meine persönliche politische Philosophie niederzuschreiben – einerseits für mich selbst, andererseits, um immer wieder aufkommende Missverständnisse auszuräumen. Der philosophisch versierte Leser wird die Anspielung im Titel auf den großartigen Bertrand Russell sicherlich erkannt haben und auch wenn ich wohl mit seiner Wortgewalt nicht vollends mithalten kann, erschien mir der Titel durchaus passend. War Russell doch einer der vielen Denker, die mich auf dem Weg zu meinem heutigen Weltbild begleitet und geführt haben.

Bertrand Russell
Bertrand Russell (Quelle: brainpickings.org)

Ich werde immer wieder gefragt, welche politische Einstellung ich habe und warum. Gemeinhin vermeide ich das Wort „liberal“ am Anfang eher, vor Allem aufgrund seiner mittlerweile eher negativen Konnotation. Häufige nutze ich daher lieber diese Formulierung:
„Geh‘ mir nicht auf die Eier und wir werden die besten Freunde.“
Das ist, etwas zugespitzt, letztlich das grundlegende liberale Credo. Es beinhaltet die Selbstverantwortlichkeit, Privatsphäre und jegliche Individualrechte. Interessanterweise können viele meiner Gesprächspartner dieser Aussage zustimmen – sobald ich jedoch dazusage, dass ich liberal bin, sind sie überrascht, weil für sie Liberalismus etwas zutiefst Antisoziales und Gesellschaftsschädigendes ist.
An dieser Stelle ist es dann immer sehr hilfreich, wenn ich ihnen meinen eigenen politischen Werdegang näher erläutere.

Wir alle waren früher etwas Anderes.
„Wer mit 20 kein Kommunist ist, besitzt kein Herz – wer mit 40 immer noch Kommunist ist, keinen Verstand.“
So abgedroschen diese Floskel mittlerweile auch sein mag – so zutreffend ist sie jedoch auch. In meiner Jugendzeit war ich das, was man wohl als „sehr links“ bezeichnen kann. Ich vermeide bewusst den Begriff „linksextrem“, da dieser in meinen Augen Gewaltanwendung impliziert – welche ich jedoch immer abgelehnt habe (zumindest in politischen Auseinandersetzungen). Trotzdem war ich viele Jahre lang in der linken Szene verwurzelt, Mitglied der Linksjugend und regelmäßiger Demogänger. Ich kenne das Gefühl, in einem schwarzen Block mit 200 Autonomen zu stehen und die gleichen Sprechchöre zu brüllen. Ich kenne die beunruhigende Gruppendynamik, die dabei entsteht, das freigesetzte Adrenalin, die Bestätigung, die man erfährt. Man beginnt, sich nicht mehr als Individuum zu sehen, sondern versteht sich als Teil eines größeren Kollektivs, das ein übergeordnetes Ziel verfolgt, hinter dem die eigenen Interessen zurückfallen.
Bezeichnend war hierfür ebenfalls, wie bereitwillig und unkritisch ich antisemitische Propaganda übernahm. Lange Zeit war ich tatsächlich davon überzeugt, Israel würde an den Palästinenser einen zweiten Holocaust durchführen. Dass die Juden nichts aus ihrer Vergangenheit gelernt hatten und so weiter. Ich war tatsächlich davon überzeugt, Antizionismus sei kein Antisemitismus. Welch ein fataler Irrglaube. Dass diese Denkmuster letztlich doch noch aufgebrochen wurden, verdanke ich vor allem einem guten Freund, den ich ein paar Jahre später kennenlernen sollte. Doch bis dahin sollte es noch dauern und ich weiter daran glauben, ich allein hätte die Welt und ihre Funktionsweise verstanden.
Ich fühlte mich in einer moralisch-intellektuell überlegenen Position gegenüber all jenen, die meine Ansichten nicht teilten – eine Arroganz, die mir mittlerweile auch selbst sehr häufig bei vielen Linken auffällt.

13. Februar 2011
Wie viele sicherlich wissen, marschierten jährlich hunderte Neonazis am 13. Februar durch Dresden, in Gedenken des „Bombenholocausts“. Eine Veranstaltung, die maßgeblich zum Hofieren des deutschen Opfermythos genutzt wurde – Geschichtsrevisionismus inklusive.
Wie es sich für einen guten Linken gehörte, war ich natürlich ebenso wieder dabei, um mich der Gegendemonstration anzuschließen. Wer später die Medienberichte verfolgt hat, könnte meinen, Dresden gleiche einem Kriegsgebiet – und auf viele Stellen traf das wohl auch zu. Mein einschneidendes Erlebnis und damit auch mein persönlicher Bruch mit der linken Szene fand ebenfalls an diesem Tag statt.
Ein Bus voller Neonazis fuhr an uns vorüber und plötzlich hörten wir nur noch laute Schreie
„DER BUS! DER BUS! DER BUS!“ – und aus einer Seitenstraße stürmten ca. 30 vermummte Autonome, die sofort damit begannen, dem Bus mit Steinen, Stöcken und Fahnenstangen zu Leibe zu rücken. Man konnte die Angst der Nazis im Bus sehen und in diesem Moment wurde mir klar, dass hier etwas grundlegend falsch läuft. So hart bekloppt Nazis und ihre Ideologie auch sein mögen – waren wir wirklich besser als sie, wenn wir uns derselben Mittel, nämlich Einschüchterung durch Gewalt, bedienten?
Ich war noch nie so froh, einen Trupp schwer gepanzerter Polizisten zu sehen, die im Eiltempo auf den Bus zuliefen, um ihn aus der Gefahrenzone zu eskortieren und die Autonomen zu vertreiben.
Natürlich brach ich nicht sofort mit Allem, was mir während der letzten Jahre wichtig war, doch der erste Keim war gesetzt und sollte während der nächsten Monate und Jahre zu einer immer stärker werdenden Idee heranwachsen.

Ich begann also, mich wirklich damit auseinanderzusetzen, woran ich glaubte. Das mag auf einen rationalen Menschen erst einmal seltsam klingen. Man könnte doch eigentlich erwarten, dass man sich immer erst einmal damit beschäftigt, bevor man eine Überzeugung als die eigene annimmt. Aber, ach, welch Naivität. Ebenso wie das die wenigsten religiösen Menschen tun, die in westlich geprägten Industrienationen groß geworden sind, machen sich auch Anhänger politischer Ideologien selten die Mühe, sich damit wirklich tiefgreifend zu beschäftigen. Was vielerorts auch gar nicht gewollt ist. Es geht vor Allem um das Schaffen klarer Feindbilder, eines Gut-Böse-Dualismus und eines Wir-gegen-die-Gefühls. Ihr glaubt mir nicht?
Geht in die Kirche und fragt, wer wirklich die ganze Bibel gelesen hat und wenn ihr Spaß haben wollt, fragt, ob jemand an Drachen glaubt (s. Offenbarung des Johannes – 12,1).
Oder geht zu einem linken Infostand oder Büro und fragt, wer je wirklich die drei Bände des „Kapitals“ gelesen hat (übrigens eine sterbenslangweilige Lektüre). Wer von ihnen hat sich je mit Rousseau auseinandergesetzt? Oder mit Bakunin? Oder, oder, oder.

Mein Abschied vom Himmel
Rückblickend betrachtet, war das Interessanteste an meiner Entwicklung aber nicht so sehr mein Bruch mit der linken Szene, sondern meine immer stärker zunehmende Rationalisierung und Ablehnung metaphysischer Systeme bzw. Ideologien. Je liberaler ich wurde, desto entschiedener wurde ebenso auch meine Kritik an all jenen Strömungen, die es sich zur Aufgabe gemacht hatten, den Menschen in ein bestimmtes Korsett zu pressen und ihm alle nur möglichen Freiheiten unmöglich, oder zumindest unbehaglich zu machen.
Bezeichnete ich mich lange Zeit „nur“ als Agnostiker, änderte sich das, nachdem ich begann, die Bibel und den Koran zu lesen. Auch hatte sich meine Religionskritik bis dahin besonders aufs Christentum bezogen, da ich die Auffassung vieler Linker teilte, Kritik am Islam wäre per se rassistisch und würde nur rechte Ressentiments bedienen. Ein Irrtum, den es mir glücklicherweise abzulegen gelang. Setzte ich mich zuvor immer intensiver mit meiner politischen Überzeugung auseinander, sollte es nun der Religion an den Kragen gehen, weshalb ich viele Stunden damit verbrachte, mich durch die verschiedensten theologischen Streitereien, Kritiken, Anfeindungen, etc. zu lesen. Je areligiöser ich wurde, desto stärker prägte sich ebenso mein Skeptizismus aus.

Man muss dazu sagen, dass ich nicht untertreibe, wenn ich sage, dass ich in einer Familie aufwuchs, die von esoterischem Bullshit maßgeblich geprägt wurde. Geistheilen, Aurasehen, belebtes Wasser, Energiepunkte, Chakren, Wünschelruten, Impfkritik, Homöopathie, MMS, Chemtrails, Reptiloiden, Schamanismus und vieles mehr waren für mich keine Fremdwörter, sondern prägten mich einen großen Teil meiner Kindheit und Jugend. Auch ich nahm vieles davon jahrelang für bare Münze, glaubte, Teil eines erlesenen, ja, auserwählten Kreises zu sein, der eine Art geheimes Wissen besaß. Meine Familie gab und gibt enorme finanzielle Summen (gemessen an ihrem Einkommen) aus, um weiterhin Teil dieses Zirkels zu sein. Heute halte ich es für einen der größten Fehler des deutschen Strafrechts, dass hier nicht hart genug gegen offensichtliche Betrüger vorgegangen wird – Homöopathie wird teilweise sogar von den Krankenkassen getragen. Willkommen in der Welt des esoterischen Bullshits. Dieselben Leute, die sich für aufgeklärt halten und Religion als etwas Antiquiertes ablehnen, bestellen im nächsten Moment ihre Wünsche beim Universum. So viel dazu.
Es erscheint mir durchaus bezeichnend, dass viele Menschen, die sich selbst als links und/oder grün verstehen, große Schnittmengen mit esoterischen Welterklärungsmustern teilen und natürlich ebenso affin für allerlei Verschwörungstheorien sind, die in der Esoterikszene längst zum guten Ton gehören. Die vier Hauptschuldigen sind so auch schnell ermittelt:
Die USA (CIA), Israel (Mossad), der Westen oder der Kapitalismus.
Das sind die Lieblingsfeindbilder der globalen Linken, welche sich je nach Anlass in unterschiedlichster Weise kombinieren lassen. Moment, sagte ich der Linken? Pardon, ich vergaß – wer sich auf den einschlägigen Internetseiten herumtreibt und der Propaganda entsprechender Parteien zuhört, wird schnell erkennen, dass kaum mehr ein Unterscheidungsmerkmal zwischen links und rechts existiert – die Feinbilder sind in vielen Fällen nämlich nahezu identisch. Man nennt es wohl Ironie der Geschichte, dass Linke und Rechte letztlich gegen einen gemeinsamen Feind kämpfen – wenn auch aus unterschiedlichen Motiven heraus.
Ich für meinen Teil sehe darin einen hervorragenden Indikator, dass man genau dann auf dem richtigen Weg ist, wenn das eigene Handeln Linke wie Rechte anpisst. Deshalb mag uns Liberale auch niemand – weil wir keinerlei Kollektive befürworten, weil wir den Menschen eigene Entscheidungen zugestehen und sie so wenig wie möglich bevormunden möchten. Der Liberale sitzt immer zwischen den Stühlen – er kann es naturgemäß niemandem rechtmachen. Er maßt sich nicht an, die besten Ideen für alle Menschen zu haben, weil er genau weiß, wie unterschiedlich die Menschen sind und dass ein jeder variierende Bedürfnisse und Vorstellungen hat. Einen Masterplan, der Glück für alle verspricht, kann der Liberale nicht liefern –dessen ist er sich bewusst – und genau deshalb bleibt er auch unbequem und wird nicht in absehbarer Zeit die Anerkennung bekommen, die er verdient. Er will nicht führen – aber er will ebenso wenig folgen. Er will den Menschen die Freiheit geben, selbst zu entscheiden, was sie glücklich macht – aber ihnen ebenso die Möglichkeit geben, Fehler zu machen, zu scheitern – um daraus zu lernen und zu wachsen. Der Liberale will, dass der Mensch für sich selbst Verantwortung übernimmt – einen goldenen Käfig lehnt er rigoros ab.
Diese Prinzipien sind unattraktiv. Sie sind anstrengend und bieten keine einfachen Lösungen für komplexe Probleme an.

To be continued…

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Du hast Krebs? Selbst schuld, Arschloch.

Ok. Damit ist es amtlich. Irgendjemand scheint großes Interesse daran zu hegen, dass meine Abneigung gegenüber alternativ“wissenschaftlichen“, esoterischen, übernatürlichen oder vergleichbaren Konzepten ins Unermessliche ansteigt.
Ich weiß nicht, wie oft ich in Diskussionen über Religionen, dieses wunderbare „Argument“ gehört habe, dass das ja alles nicht so schlimm und eigentlich total ok wäre, wenn die Gläubigen niemandem schaden und es ihnen hilft. Ich habe das nie wirklich nachvollziehen können.
Genauso wenig, wie ich Krebs einfach mal eben wegbeten kann, löst sich dieser quasi in Luft auf, wenn ich meine wie auch immer gearteten Selbstheilungskräfte aktiviere.
Anders sieht das selbstverständlich Volker Schmidt, der auf seiner Homepage nicht nur Seminare zur Selbstheilung anbietet, sondern auch vollends überzeugt schreibt:
„Die Ursachen von Krebs kann der Betroffene immer auflösen. Liegt kein Gen-Defekt vor.
Voraussetzung: Er/ sie übernimmt Eigenverantwortung und verändert die dem Problem Krebs zugehörigen Konflikte im Innen und Außen.“
Heißt also im Klartext:
„Wenn du an Krebs stirbst, bist du einfach nur zu doof, dich selbst zu heilen.
PS: Du bist natürlich auch Schuld, dass du krank bist – hättest ja positiver denken können!“

In diesen Momenten zuckt es vernunftbegabte Menschen in den Fingern, die nächste akkubetriebene Schlagbohrmaschine zu greifen und…ach, lassen wir das.
Offenbarend schreibt Herr Schmidt auch Folgendes über sich selbst:
„Ich habe keine Ahnung von Schulmedizin, von linearer Symptombehandlung.“
Das ist zwar nicht unbedingt eine Überraschung, lässt aber tief blicken, wenn jemand, der von Medizin nicht die Bohne versteht, sich mal eben auf die Fahnen schreibt, Krebs heilen zu können.
Ich glaube, ich werde demnächst einfach mal Einführungsseminare in höherer Mathematik geben – ich habe zwar keine Ahnung, was es damit auf sich hat, aber augenscheinlich braucht man keine großartige Expertise, um bahnbrechende Ideen aufzustellen. Der gute Herr Schmidt hat es sogar geschafft, Krebs und Quantenmechanik miteinander zu verbinden – da wäre es doch gelacht, wenn ich die Künste der höheren Mathematik nicht irgendwie mit AIDS kombinieren könnte. Ich glaube sogar, gerade weil ich weder Medizin noch Mathematik studiert habe, besitze nur ich die Fähigkeit, diese großen Probleme zu lösen – denn mein Blick ist noch nicht getrübt von akademischer Kurzsichtigkeit, sondern ich habe mir ein Auge für das große Ganze bewahren können.
Klingt wahnsinnig überzeugend – oder?

Wie moralisch degeneriert muss man eigentlich sein, potentiell tödlich erkrankten Menschen zu sagen, dass nur sie allein die Schuld an ihrem Zustand tragen und diesen natürlich jederzeit wieder ändern können, wenn sie nur durch die Kräfte der Selbstheilung Harmonie in ihrem Seelenleben herstellen würden?
Das Faszinierendste an dieser ganzen Geschichte ist aber ein ganz anderer Aspekt:
Dieser Spinner verdient damit völlig legal sein Geld.
Er wird nicht etwa nach Strich und Faden wegen Betrugs verklagt, sondern darf ungestraft mit seinen Wahnvorstellungen hausieren gehen. Klar, im Grunde macht er damit nur auf privater Ebene, was die großen Religionen seit jeher institutionalisiert betreiben – Kasse mit den Ängsten verzweifelter und/oder ungebildeter Menschen, aber nur weil es diese verachtenswerte Praxis im Großen gibt, macht es sie im Kleinen keinen Deut besser.
Esoterische Spinnereien gehören genauso wie religiöse Wahnvorstellungen auf den Müllhaufen der Geschichte.

Wer nicht impft, der stirbt.

Da es scheinbar irgendjemand darauf anlegt, dass kein Tag vergeht, an dem ich mich nicht am nächsten Baum aufhängen will, weil auf dieser Welt einfach zu viele Idioten rumlaufen, beschenkte mich mein Newsfeed heute mit diesem Artikel auf Spiegel Online. Darin heißt es unter anderem:
„Wenn der Junge geimpft gewesen wäre, würden Natalie und Michael heute noch leben“

…oder tickende Zeitbomben.

Ok. Könnte jetzt bitte irgendjemand, der dafür zuständig ist, die Eier in der Hose haben und die Eltern wegen fahrlässiger Tötung anzeigen?
Diese ganzen Spinner namens „Impfkritiker“ brauchen endlich mal einen Dämpfer verpasst, damit ihnen klar wird, dass ihr völlig idiotisches Handeln im schlimmsten Fall Menschenleben kostet.
Nochmal zum Mitschreiben:
Jede, wirklich ausnahmslos jede Studie, die eine direkte Korrelation zwischen Impfungen und
a) Autismus,
b) Erhöhung der Kindersterblichkeit oder
c) sonstigen herbeifantasierten Horrorszenarien
herstellt, hält keiner wissenschaftlichen Überprüfung stand.
Methodische Fehler, sachliche Unzulänglichkeiten, keine Randomisierung, etc. – im Gegenzug gibt es aber genug Untersuchungen, die zeigen, wie die Gefahr von Infektionskrankheiten durch Nichtimpfung rapide zunimmt – gerade Drittweltländer sind hier verstärkt betroffen.
Nun ist Deutschland sicher kein Drittweltland, aber trotz besserer Bildung, trotz Aufklärung, gibt es hier offensichtlich einige, die sich ihre Vernunft mit einer gehörigen Portion Eso-Bullshit und ach so kritischem Denken aus dem Schädel geballert haben.
Früher sollte der Skeptizismus einmal dazu dienen, antiquierte, unwissenschaftliche (religiöse) Dogmen und Erklärungsmuster zu überwinden – heutzutage scheint das Gegenteil der Fall zu sein. Die Wissenschaft ist böse, „die“ Mächtigen dieser Welt (wer auch immer das sein soll) unterdrücken das „wahre Wissen“ und wollen nur „medienverblendete Schafe“. Während man selbst natürlich völlig immun dagegen ist, jedem Spinner auf youtube Glauben schenkt, der etwas von den fürchterlichen Gefahren des Impfens erzählt und natürlich nur Aufklärung betreibt, weil die Systempresse das alles unterdrückt. Wusstet ihr eigentlich schon, dass mit Chemtrails unsere Gedanken kontrolliert werden? Tja, ich auch nicht.

Ich frage mich wirklich immer wieder, wie selten dämlich Menschen eigentlich sein können. Das wär ja alles nicht weiter so tragisch, wenn diese Leute in einem separaten, kleinen Biotop vor sich hin vegetieren würden und damit höchstens sich selbst schaden – irgendwann würde die Evolution schon dafür sorgen, dass sich das Problem von selbst löst. Nur leider wirken die Aktionen dieser Menschen sich auch direkt auf ihr unbedarftes Umfeld aus, wo es dann am Ende sogar Tote geben kann.
Warum solche Spinner noch frei rumlaufen dürfen und nicht mit Straf- und Zivilprozessen überrollt werden, bis sie nicht mehr geradeaus schauen können, ist mir schleierhaft.
Wobei – eigentlich ist es nur konsequent, dass hier nichts passiert. In einem Land, in dem die nordrhein-westfälische Gesundheitsministerin (!) Barbara Steffens als besonders eifrige Förderin esoterischer und alternativmedizinischer Konzepte wirkt, spielen ein paar Tote mehr oder weniger doch keine Rolle – für jeden Befreiungskampf müssen schließlich Opfer gebracht werden.
Ich bin dann mal kotzen.

Gefährlicher Aberglaube

„Nach wissenschaftlichen Maßstäben ist Deutschland nicht mehr ganz dicht.“

So lässt es sich in diesem Artikel der ZEIT lesen.
Da stellt sich doch unwillkürlich die Frage, weshalb es so viele Menschen zu solchen alternativen Realitätserklärungskonzepten hintreibt. Ist es die Angst, sich mit unangenehmen Ereignissen auseinanderzusetzen? Der naive Optimismus, dass am Ende doch alles gut wird? Der Wunsch, den Menschen in seiner Umgebung durch ein angeblich „geheimes Wissen“ überlegen zu sein?
Vielleicht ein wenig von allem.

Auffällig ist aber vor allem eines und das haben die Autoren des Artikels leider versäumt:
Es gibt eine sehr starke Korrelation zwischen der Sympathie für esoterische Konzepte und gleichzeitig der Hinwendung zu Verschwörungstheorien bezüglich politischer Vorgänge, die man nicht versteht. Nicht nur im kleinen, auf sich selbst bezogenen Kreis wird eine Alternativrealität mit simplen Erklärungsmustern geschaffen, sondern diese Muster werden auch auf die Welt als Ganzes ausgedehnt.
Die Affinität von Esoterikern zu sogenannten „Truther-Bewegungen“, „Infokriegern“ und ähnlichen Gruppierungen ist enorm. Bezeichnend sind dabei v.a. auch eine starke anti-westliche, v.a. eine dezidiert anti-amerikanische Haltung, die nahezu alles ablehnt, was empirische Forschung ausmacht und stattdessen eine ominöse Unterdrückung des „wahren Wissens“ postuliert.
Da hilft es auch kaum darauf hinzuweisen, dass Bücher über eine angeblich geheime Weltregierung, die NWO, Illuminaten oder sonstige Hirngespinste regelmäßig Bestsellerlisten füllen bzw. das in der Vergangenheit getan haben – auch wenn die Unterdrückung tatsächlich nicht stattfindet, nimmt der Esoteriker/Verschwörungstheoretiker diese subjektiv doch als existent wahr – was bezeichnend für das in sich abgeschlossene Weltbild dieser Menschen ist.
Der Hang zur Irrationalität kann beeindruckende, oder viel eher beunruhigende Dimensionen annehmen:
Wenn Menschen es für völlig plausibel erachten, dass man durch Handauflegen Krebs heilen kann, dann ist es für sie auch kein intellektuelles Kunststück, davon überzeugt zu sein, dass Echsenmenschen oder wahlweise auch Außerirdische unseren Planeten regieren bzw. in Wahrheit die Gestalt der führenden Politiker angenommen haben.
Wer glaubt, dass niemand auf derart absurde Ideen kommen kann, war (zu seinem Glück) noch nie bei einem der konspirativen Treffen dieser Menschen dabei.
Mit welcher Selbstverständlichkeit derartige Konzepte angenommen werden, ist erschreckend – und als jemand, der in so einem Umfeld aufgewachsen ist und jahrelang Zeuge davon war, weiß ich nur zu gut, dass der verlinkte Artikel nicht etwa übertreibt, sondern noch relativ harmlos daherkommt.
Keine Dummheit scheint zu groß, kein Abgrund zu tief, als dass es nicht doch immer wieder ein paar Menschen gibt, die jubelnd darauf zulaufen – felsenfest davon überzeugt, das Richtige zu tun.

Da das augenscheinlich mein erster Blog-Eintrag überhaupt war und ich mir noch nicht so sicher bin, ob ich das in dieser Form beibehalten werde, habe ich jetzt hoffentlich erst einmal all jene abgeschreckt, die mir ihre alternativen Sichtweisen und Welterklärungsmodelle nahebringen wollen. Aber für die Menschen, die es noch nicht verstanden haben, möchte ich an dieser Stelle den großartigen Christopher Hitchens zitieren:
„That which can be asserted without evidence, can be dismissed without evidence.“