Willkommen in Absurdistan

Man könnte ja meinen, dass Aussagen wie „die bisherige Praxis verlangt von jedem Dolmetscher einen individuellen Nachweis der persönlichen Gefährdungslage, zum Beispiel eine schriftliche Morddrohung“ direkt aus einer schlechten Satire entnommen sind – bezeichnenderweise stellt das aber genau die momentane Sachlage für Einheimische, die ausländischen Streitkräften helfen, dar.
Das muss man sich mal mit Verstand durch den Kopf gehen lassen:
Wir haben da eine Horde wildgewordener Bekloppter (Taliban), die den Westen und alles, was ihn irgendwie ausmacht, auf den Tod (im wahrsten Sinne des Wortes…) nicht ausstehen können – und auf der anderen Seite gibt es Menschen, die es gar nicht SO schlecht finden, wenn westliche Einsatzkräfte dabei helfen, eine zumindest halbwegs stabile Regierung und zumindest ansatzweise demokratische Verhältnisse zu etablieren. Und weil sie das ziemlich dufte finden, entscheiden sich diese Menschen dafür, den ausländischen Kräften bei ihrer Arbeit zu helfen – wohlwissend, dass sie sich damit unverzüglich zum beliebten Abschussziel der oben genannten Bekloppten machen.
Warum tun sie das? Wahrscheinlich gibt es dafür vielschichtige Gründe – Idealismus und Hoffnung auf eine bessere Zukunft könnte einer davon sein – aber wohl auch, weil sie sich darauf verlassen, dass diejenigen, denen sie helfen, sie notfalls auch vor Racheakten beschützen werden.
Tja. Deutschland würde das sicherlich sehr gern tun, hat doch der ehrenwerte Herr Friedrich extra versprochen, dass „wenn jemand in Gefahr ist in Afghanistan, weil er für Deutschland gearbeitet hat oder überhaupt, weil er bedroht ist, dann kann er natürlich aus humanitären Gründen zu uns nach Deutschland kommen.“
Doch wie sagte Faust so schön?
„Die Botschaft hör ich wohl, allein mir fehlt der Glaube.“

Denn so gern Deutschland diesen Menschen auch Hilfe anbieten würde, so schwer gestaltet sich das. Es kann schließlich nicht sein, dass jeder dahergelaufene Afghane hier plötzlich Asyl bekommen will, weil er behauptet, mit dem Tod bedroht zu werden. Nein, das muss schon alles seine Ordnung haben. Deshalb wird auch dringend empfohlen, vor einem entsprechenden Asylantrag beim örtlichen Taliban-Hauptquartier anzuklopfen und die Todesdrohung in schriftlicher Ausführung, inklusive Unterschrift des befehlshabenden Kommandanten und mit Durchschlag für die interne Taliban-Verwaltung, persönlich abzuholen. Schließlich muss das alles erst hinreichend geprüft, gegengeprüft, verifiziert, beanstandet, wegen fehlender Unterlagen zurückgeschickt, wieder geprüft und schließlich wegen nicht fristgemäßen Einreichens abgelehnt werden.
Die Deutschen sind bekanntlich Weltmeister im Moralisieren – jüngst haben sie diesen Titel erst wieder gebührend verteidigt, indem sie PRISM und TEMPORA ganz furchtbar böse und unmoralisch fanden und sowieso selbst von nichts gewusst haben wollen – während der BND mit der von der NSA entwickelten Software XKeyscore munter das Netz ausbaldowert.
Amüsanterweise gelingt aber u.a. den Amerikanern genau das Kunststück, mit dem sich die deutsche Bürokratie so ungemein schwertut:
Sie unterstützen die bedrohten einheimischen Helfer und bringen sie gegebenenfalls auch außer Landes, um ihnen in den Staaten Asyl zu verschaffen. Na sowas aber auch. Der böse Uncle Sam, der sowieso per definitionem für alles Schlechte in der Welt verantwortlich ist (Höre ich da gerade „großer Satan“?), kümmert sich in vorbildlicher Weise um die Menschen, die ihm helfen und sich damit selbst in akute Gefahr begeben.

Bei dieser Sachlage kann der beste Ratschlag an Helfer vor Ort eigentlich nur der sein:
Unterstützt die USA, helft Großbritannien – aber um Himmels willen, haltet euch von den deutschen Lagern fern, denn „wer hier eintritt, der lasse alle Hoffnung fahren.“