Konfrontation – Treibstoff der Demokratie 

​Ich habe im Zuge der vergangenen Jahre allen möglichen Menschen ans Bein gepisst – Social Media sei Dank. 

Hätten mich im Laufe der Zeit nicht allerlei Religiöse, Esoteriker, Sozialisten, Kommunisten, Faschisten, Objektivisten, Ökos, Antikapitalisten, Verschwörungstheoretiker bzw. generell Fundamentalisten jeglicher Art aus ihrer Facebook-Liste gekickt oder geblockt, wäre mein Newsfeed heutzutage ein weitaus irrationalerer.

Allerdings ist er dadurch auch weniger repräsentativ geworden – würde ich nicht immer wieder aktiv danach suchen, wäre die Lebensrealität dieser Menschen für mich schlicht nicht existent – und das ist, gerade in Anbetracht des Erstarkens irrationaler Bewegungen überall in wesentlichen Demokratien, ein gefährlicher „blind spot“. 

Ich bin kein Journalist, doch genau deshalb war es für mich umso erschreckender, dass mich die Trump-Wahl keineswegs überrascht hat, die meisten namenhaften Journalisten und (Politik)Wissenschaftler allerdings schon. 

Einer der Gründe dafür könnte eben auch genau der Punkt sein, dass sich zu wenig gezielt mit alternativen Ansichten und deren Verbreitung auseinandergesetzt wurde. 

Ideologie vor Argumentation 
Je extremer, je fundamentalistischer und ideologischer die Meinung eines Menschen ist, desto schneller wird er alles ausblenden, was dieser Ansicht entgegensteht oder gefährlich werden könnte – gerade hier müssen allerdings sowohl Journalismus als auch Wissenschaft ansetzen  – wenn diese Gruppen sich in die Schatten zurückziehen, ist es die Aufgabe von Journalisten und Wissenschaftlern, sie wieder ans Licht zu bringen. Ihre Motive, ihre Ängste und Vorstellungen zu beleuchten – ansonsten werden Ereignisse wie Brexit oder Trump aus Sicht der sogenannten “Intellektuellen” immer wieder völlig unvorhergesehen eintreten.

Torpediert wird dieser Appell allerdings von “genialen” Aktionen wie des aktuellen SSPIEGEL-Covers, das den demokratischgewählten US-Präsidenten mal eben mit den IS-Schlächtern gleichsetzt – in völliger Ignoranz der realen Verhältnisse. Man muss kein Freund von Trumps Politik sein, um die fatale Signalwirkung derartiger Berichterstattung zu erkennen. 
Bleibt zu hoffen, dass sich die professionellen Medien in den nächsten Wochen und Monaten wieder etwas beruhigen und auf ihre Funktion der ausgewogenen Analyse sowie publizistischen Kontrolle staatlicher Handlungen konzentrieren. In Zeiten von zunehmenden „Lügenpresse“- und „Fake-News“-Rufen ist ein Mehr an journalistischer Seriosität definitiv willkommen.