PEGIDA – ein Erfahrungsbericht

Die Verteidigung des christlich-jüdischen Abendlandes
Verfolgt man die aktuelle Berichterstattung, kommt man um ein Thema nicht herum – PEGIDA. Auch ich habe mich dazu hier bereits kurz geäußert. Doch ich wollte noch einen Schritt weiter gehen, wollte die Behauptungen der „Lügenpresse“ einem Realitäts-Check unterziehen. Wollte wissen, ob das tatsächlich eine Ansammlung verkappter Nazis und Rassisten darstellt. Nun war es also soweit. Doch wie überprüft man eine derartige These am besten? Indem man ein polarisierendes Symbol darstellt. In meinem Fall hieß das konkret, dass ich mir meine Israelflagge schnappte, die normalerweise vor meinem Fenster hängt und mich mit ein paar Gefährten auf den Weg machte, selbst zu erfahren, wer denn eigentlich diese Menschen bei PEGIDA seien. Natürlich war ich voreingenommen und hatte nicht allzu große positive Erwartungen. Doch immerhin versammelten sich dort wöchentlich tausende Menschen, deren erklärtes Ziel es ist, die Werte des christlich-jüdischen Abendlandes zu verteidigen – könnte eine Israelflagge dann wirklich als Provokation verstanden werden und Aggressionen hervorrufen?
Sie konnte es.
Aber der Reihe nach.
Den ersten Stopp mussten wir bereits einlegen, noch bevor wir überhaupt auf dem Theaterplatz vor der Semperoper ankamen. Ein paar sehr freundliche Polizisten baten uns zu sich, nahmen unsere Personalien auf und wiesen uns anschließend darauf hin, dass sie es uns nicht verbieten können, zur Demo zu gehen, uns aber davon abraten. Oder die Flagge einzurollen. Heftiger Start. Eine Israelflagge gilt bei PEGIDA also bereits seitens der Polizei als potentielle Gefährdung für den Träger dieser. Ihre Warnung in den Ohren, dass es zu Aggressionen seitens der Demonstranten kommen könnte, machten wir uns wieder auf den Weg und mischten uns unter das Volk.
Ursprünglich wollte ich die Zeit stoppen, die es dauert, bis die ersten aggressiven bzw. antisemitischen Äußerungen seitens der Demonstranten kommen würden – doch das war nicht nötig. Wir waren keine fünf Minuten vor Ort und uns schlug bereits eine Welle der Ablehnung und Verachtung entgegen. Kommentare wie:

„Ihr seid hier auf der falschen Seite!“
„Verpisst euch!“
„Die Flagge sollte man anzünden!“
„Israel sind die größten Verbrecher!“
„Wir wollen euch hier nicht!“

Sind nur ein kleiner Auszug dessen, was uns in dieser kurzen Zeit an Hass begegnete.
Man hätte ihn in kleine Stückchen schneiden und verkaufen können – so dicht und allumfassend erschien er uns bereits in diesen ersten Minuten. Die von allen Seiten auf uns einstechenden Blicke der unverhohlenen Verachtung trugen ihr Übriges dazu bei. Niemand von uns hatte sich je so unwohl und ungewollt gefühlt. Doch wir ließen uns davon nicht entmutigen und streiften durch die Menge – ohne klares Ziel, aber mit gut sichtbarer Fahne. Wir ignorierten die Hassbotschaften und führten nur im Kopf eine Strichliste – bis es irgendwann so viele waren, dass sich selbst das nicht mehr lohnte und warteten die Reaktionen ab. Es dauerte nicht lange, bis sich einige Herrschaften zu uns trauten und das Gespräch suchten. Wir erklärten ihnen sehr ruhig, mit welcher Intention wir hier waren und welchen Hintergrund diese ganze Aktion hatte. Als wir ihnen berichteten, welche Anfeindungen wir innerhalb dieser Zeit bereits über uns ergehen lassen mussten, konnten unsere Gesprächspartner das anfänglich überhaupt nicht glauben. Wir zitierten ihnen Kommentare wie die genannten und sorgten damit für ehrliche Besorgnis. Wenn dieser kleine Gedankenaustausch bereits bewirkt hat, dass diese Herrschaften erkennen, mit wem sie sich eigentlich gerade solidarisieren, dann waren unsere Bemühungen zumindest nicht vollends vergebens. Vielleicht stehen sie das nächste Mal sogar auf der anderen Seite.

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„Multikulti stoppen“ – Ich habe nichts gegen Ausländer, aber…

Natürlich zog unsere Aktion auch die Aufmerksamkeit der anwesenden Medien auf sich. Eine Freundin aus unserer Gruppe trug einen Beutel mit dem Aufdruck „FCK NZS“ – dieser wurde sogleich als Anlass genommen, ihn inklusive der Flagge aufzunehmen. Medialer Guerillakrieg bei PEGIDA – wenn die nicht mit den Medien reden wollen, tun wir es eben. Selbst schuld. Anschließend wollte ARD noch ein kurzes Interview mit uns führen, welches wir auch bereitwillig gaben und unsere bisherigen Eindrücke der Demonstration schilderten. Könnte es womöglich sein, dass die „Lügenpresse“ doch nicht so einseitig und manipulierend berichtet, wie das angeblich der Fall sein soll? Journalist zu sein, v.a. direkt vor Ort, ist dieser Tage ein selten undankbarer Job und mir taten diese Menschen auch etwas leid. Es ist in etwa so, als wolle man einem Patienten mit Wahnvorstellungen erklären, wie die Realität aussieht, er diese aber weder erkennen kann noch will – und alles ablehnt, was irgendwie dagegenspricht.
Wir zogen weiter unsere Runde, als plötzlich drei Männer mittleren Alters auf uns zukamen – wohl nicht älter als 30. Im Folgenden das sich daraus entwickelnde Gespräch:

Männer (auf den „FCK NZS“-Beutel deutend): Ey, was soll das? Fuck Nazis? Was soll der Mist? Ihr Antifas seid hier falsch!
Wir: Ich dachte, ihr seid keine Nazis? Warum fühlt ihr euch dann angesprochen?
Männer: Sind wir auch nicht! Aber verpisst euch doch mit der Tasche und der Flagge da! Wir wollen euch hier nicht!
Wir: Was hast du gegen die Flagge?
Männer: Israel ist ein Verbrecher. Was die mit den Leuten in Gaza machen! Die Leben auf einem Quadratmeter!
Wir: Ich dachte, ihr verteidigt das christlich-jüdische Abendland?
Männer: Verpisst euch doch einfach!
Ordner stößt hinzu.
Ordner: Gibt es hier Probleme?
Wir: Wir wollen nur reden, alles gut.
Männer: Wir wollen aber nicht mit euch reden. Wir wollen euch hier nicht.
Ordner: Ich muss euch bitten zu gehen.
Wir: Wir wollen keinen Ärger.
Ordner: Ich weiß, aber geht jetzt bitte.

Damit war es amtlich – wir waren offiziell von der Veranstaltung ausgeschlossen worden. Was die ganze Sache umso ironischer macht, sind die Transparente der Demonstranten im Hintergrund, auf denen Dinge wie „(Irre-) Leitmedien demaskieren! Für Meinungsvielfalt“ zu lesen sind.

Meinungsvielfalt für alle (die PEGIDA gut finden)!

Vielfältige Meinungen gut und schön – aber dann doch bitte nicht hier.
Verrückte Welt. PEGIDA eben.
Mich haben diese Reaktionen nicht überrascht – aber es war doch erschreckend, wie offensiv einem der Hass entgegenschlug und wie offen aggressiv viele Teilnehmer uns gegenüber wurden. Bei PEGIDA laufen sicherlich nicht nur ausschließlich Nazis und Rassisten mit – aber es ist für eben jene die perfekte Gelegenheit, sich unter die „normalen Bürger“ zu mischen und ihre kruden Ansichten zu vertreten. Ein jeder, der freiwillig bei PEGIDA mitmarschiert, muss sich die Frage gefallen lassen, ob er es nicht weiß oder nicht wissen will, dass er im Schulterschluss zu einer Fraktion von Rassisten, Nazis und Antisemiten steht.
Denn wer Solidarität mit eben diesen Leuten zeigt – in welcher Art auch immer, darf sich nicht wundern, wenn er auf dieselbe Stufe gestellt wird.

Abstecher zur Gegendemonstration
Nachdem wir also von der PEGIDA-Demonstration verwiesen wurden, wollten wir noch zur zeitgleich stattfindenden Gegendemonstration. Dahin kamen wir ohne Probleme und wurde auch nicht noch einmal von der Polizei kontrolliert, die uns anstandslos durchließ.
Grundsätzlich war die Stimmung hier wesentlich ausgelassener und toleranter. Es gab zwei Begegnungen bezüglich meiner Flagge – die erste war ein recht skeptischer Kommentar, warum ich mit der Flagge hier sei, worauf ich erwiderte, dass Israel in meinen Augen ein Vorbild eines demokratischen Staats sei, in dem Juden, Christen, Muslime, Ungläubige und alle anderen Menschen von Rechtswegen friedlich zusammenleben können. Damit gab er sich scheinbar zufrieden und zog von dannen.
Die andere Begegnung war ein älterer Herr, wohl so um die 65 oder 70, der mir die Frage stellte, ob die Flagge für mich nur Israel oder alle Semiten symbolisiere. Zu seiner Enttäuschung optierte ich für Israel, woraufhin er in einen etwa 20-minütigen Monolog ausbrach und mir zu erklären versuchte, warum Israel für den ganzen Terror im Nahen Osten verantwortlich war und wieso es nur an Israel läge, dass da kein Frieden ist.
Nachdem offensichtlich war, dass er für keines meiner Gegenargumente zugänglich war, entschied ich mich dafür, ihm den Rücken zu kehren und weiterzugehen. Mir war meine Zeit einfach zu kostbar, um mit „intellektuellen“ Antisemiten zu diskutieren – deren Weltbild ist ohnehin gefestigt und nahezu unmöglich zu beeinflussen.
Abgesehen davon blieb aber alles sehr entspannt, keine Hasskommentare und keine feindlichen Blicke, soweit ich das feststellen konnte. Immerhin etwas.

Fazit
Ich werde meine Meinung, dass PEGIDA zu einem großen Anteil aus Vollidioten besteht, nicht revidieren. Dazu waren meine Erfahrungen gestern viel zu eindrücklich. Jedem, dem wirklich an rationaler Islamkritik gelegen ist, kann ich nur empfehlen, sich von dieser Veranstaltung fernzuhalten und andere Wege zu finden.
Rassismus, Nationalismus, Faschismus und Antisemitismus können nicht die Antworten auf das Problem radikaler Religionsausübung sein.

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Nu, pogodi PEGIDA!

Nachdem ich mich gefühlte Stunden durch die Kommentarspalten diverser Onlinemagazine und Facebook-Seiten gelesen habe, ergo meinem Masochismus freien Lauf ließ, ist es mir wie Schuppen von den Augen gefallen, warum ich PEGIDA so völlig unsinnig finde. Ja, gerade bis über die Grenzen der Lächerlichkeit hinaus, erscheint mir das eine völlig absurde Vereinigung zu sein, die man eigentlich nicht weiter ernstnehmen müsste. Müsste. Wenn es denn nicht so viele wären, die dem Ressentiment auf die Straße folgen. Aber weil ich ein Faible dafür habe, die Idiotie der Menschen aufzuzeigen, die zu borniert sind, selbige zu erkennen, widme ich mich dem Ganzen doch einfach mal etwas ausführlicher.

Was ist PEGIDA überhaupt?
Für alle Unwissenden unter uns, bedeutet die Abkürzung übersetzt zunächst einmal „Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“ – ich plädiere nach dem Lesen besagter Kommentarspalten aber eher für eine Namensänderung zu „Grauenhafte Orthographie aufrechter Deutscher gegen Ausländer“ – kurz: GOADGA. Klingt fast wie eine neue bayrische Käsesorte.

„Jetzt ganz neu! GOADGA – der würzige Käse aus deutschem Hause für unterwegs! Und nur für kurze Zeit mit extra Braunschimmel!“

Hach. Ich liebe diesen stumpfen Humor.
Aber was tut man nicht so alles als besorgter Europäer/Deutscher/Dresdner, wenn quasi im nächsten Moment die Legionen der muslimischen Welteroberungsstreitmacht hier einmarschieren. Man sucht sich also Gleichgesinnte, die ein ähnlich verschrobenes Weltbild haben, nutzt die diffusen Ängste und Ressentiments der „gutbürgerlich-konservativen Mitte“ aus, garniert das Ganze dann noch mit einer guten Portion Verschwörungstheorie und Opfermythos („Es gibt hier keine Meinungsfreiheit und wir werden unterdrückt blablub!“) und fertig ist die neue Volksbewegung.
Vor. Meiner. Haustür.
Und das meine ich wortwörtlich so.
Es sammeln sich jeden Montag Tausende von diesen Spinnern quasi direkt vor meiner Tür. Als wäre der Weihnachtsmarkt nebenan nicht schon Strafe genug.

Wenn es hier keine Meinungsfreiheit gäbe, würde das gigantische Polizeiaufgebot, das eure Ärsche schützt, nicht existieren! So sieht’s nämlich aus. Und hey, ich find das sogar gut so – rein von der prinzipiellen Ebene her betrachtet. Ein jeder muss die Freiheit haben, sich öffentlich als das Arschloch zu präsentieren, das man vorher nur im trauten Heim war. Dann wissen wenigstens gleich alle, dass man scheiße ist. Auch nicht schlecht. Bin ich ja auch. Bin ja nicht weniger scheiße als andere. Halt nur anders. Ich finde nicht eine spezifische Gruppe von Menschen doof, sondern halte grundsätzlich einen hohen Prozentsatz meiner Mitmenschen erst einmal so lange für degenerierte Vollidioten, bis sie mir das Gegenteil beweisen können. Die Leute vor meiner Tür haben das jedenfalls noch nicht geschafft und sobald ich deren Kommentare auf der Facebook-PEGIDA-Seite lese, zweifle ich sehr daran, dass das überhaupt je möglich sein wird.

Generell ist diese ganze Islamisierungspanikkacke in dieser Art und Weise ohnehin völlig übertrieben. Weil es die Falschen trifft. Weil es Ressentiments bedient, Menschen zu Unrecht verurteilt und außer einer miesen Stimmung nichts Konstruktives schafft. Wem es wirklich um Islamisierung geht und wer wirklich etwas dagegen tun wollen würde, der hat ganz andere Möglichkeiten. Ein recht prominentes Beispiel dafür ist Tobias Huch – dieser Mann handelt tatsächlich nach seinen Überzeugungen und leistet dafür aktiv sinnvolle Arbeit, statt nur zu meckern und zu motzen. Aber dafür müsste man sich ja wirklich längerfristig engagieren und am Ende auch noch mit diesen komischen Flüchtlingen mal reden oder gar zusammenarbeiten. Ohgottohgott. Das geht natürlich nicht. Dann doch lieber jeden Montag auf die Straße und sich unter Seinesgleichen fühlen.

Natürlich ist der Islam doof. Das sind aber auch alle anderen Religionen dieser Art. Als Atheist sind mir jegliche Religionen grundsätzlich sehr suspekt, der Islam sogar aktuell mehr als andere, da er derzeit etwa auf dem Stand ist, auf dem sich das Christentum noch vor wenigen hundert Jahren befand.
Aber, und das ist das Entscheidende, ich halte PEGIDA und Konsorten dennoch für ausgemachten Unsinn. Das Beste sind Forderungen â la der Verhinderung von „radikal-religiöser Unterwanderung unserer christlich-jüdischen Abendlandkultur“. Das ist augenscheinlich überaus zynisch, wenn man die Geschichte dieses Landes im Umgang mit der jüdischen Bevölkerung betrachtet. Die lässt sich nämlich ganz simpel auf eine Formel bringen:
Vor 1945 – Juden aktiv vernichten.
Danach: Juden immer noch Scheiße finden, Israel dämonisieren und Gruppen wie Hamas und Co. toll finden, da sie ja schließlich nur einen völlig legitimen Befreiungskampf gegen das Übel der Juden führt.
Tolle Kultur – auf die kann ich gern verzichten
Und das Christentum selbst kann sich auch nicht gerade mit einer weißen Weste rühmen.
Noch besser wird es, wenn erst dieser Punkt kommt, um dann zu betonen:
„Die Trennung von Staat und Kirche war und ist ein Erfolg in Europa.“
Ja, was nun? christlich-jüdische Kultur oder Laizismus? Beides geht nicht.

Aber ganz unabhängig davon:
Mir stinkt die PEGIDA-Sache aus einem ganz simplen Grund bis zum Himmel – nämlich dass hier extrem viele Menschen unter Generalverdacht gestellt werden. Da wird negative Stimmung gegen Flüchtlinge gemacht und Menschen anderer Herkunft/Religion/whatever – ohne dass diese sich selbst womöglich etwas zuschulden kommen haben lassen. Dass viele Flüchtlinge leider Opfer der restriktiven Asylpolitik sind und beispielsweise ein Arbeitsverbot haben, geht mir als Liberalen ohnehin enorm gegen den Strich und umso niederträchtiger ist es, wenn dann ein Bündnis daherkommt, dass den Menschen ein noch größeres „FUCK YOU!“ ins Gesicht furzt.
Statt sich mal mit den Menschen zu beschäftigen, sich vielleicht anzunähern und gemeinsam Lösungen zu finden, spaltet PEGIDA nur noch mehr.
Aber gut, der Deutsche war ja schon immer gut darin, sich lieber zu echauffieren, statt wirklich etwas zu verändern.

Daher habe ich einen ganz einfachen Appell:
„Gegen schlechte Rechtschreibung. Für weniger Idioten und Käse für alle.“