Ein Herz für Asylbewerber – oder warum Koffertragen keine Lösung ist

Momentan geht dieser Bericht der Gmünder Tagespost ziemlich viral in sozialen Netzwerken und mittlerweile auch größeren Medien um – es kann also nicht schaden, sich damit einmal etwas eingehender zu befassen.

In aller Kürze zusammengefasst:
Der Oberbürgermeister von Schwäbisch Gmünd lässt Asylbewerber das schwere Reisegepäck von Bahnreisenden über die Gleise tragen und bezahlt ihnen dafür 1,05€/h.
Es gibt, wenn ich das mal so grob einschätzen würde, zwei grundverschiedene Positionen zu dieser Thematik, die kaum miteinander vereinbar scheinen:

1. Die „Das ist Sklaverei/Kolonialismus/Rassismus“-Theorie:
Hier wird argumentiert, dass der Umstand, dass dunkelhäutige Menschen mit Strohhut weißen Menschen für einen Hungerlohn die Koffer tragen, frappierend an Kolonialzeiten und eigentlich längst überkommen geglaubte Strukturen erinnert.
Es wird hier die Notsituation der Asylbewerber ausgenutzt, um billige und effiziente Arbeitskräfte für Jobs anzuwerben, die sonst keiner machen will und da sie lediglich Asylbewerber und damit per definitionem Menschen zweiter Klasse sind, muss man sie auch nicht vernünftig bezahlen.

2. Die „Es ist ihre freie Entscheidung, niemand wird gezwungen und bisschen arbeiten ist immer noch besser als gar nicht arbeiten“-Theorie:
Bei dieser Argumentation geht es weniger um ideologische/strukturelle Probleme, sondern viel eher um pragmatische Aspekte:
Es wäre für die Asylbewerber natürlich wesentlich besser, dass sie zumindest etwas arbeiten können, um sich so ihr doch recht bescheidenes Einkommen (was momentan bei 56€/Woche liegt) zumindest etwas aufzubessern. Da niemand dazu gezwungen wird, Koffer zu tragen und sie dieses Angebot selbstverständlich auch ablehnen können, besteht auch kein moralisches Problem.
Dass es eine Schwarz-Weiß-Konstellation gibt, lässt sich auch kaum vermeiden, da die Flüchtlingsländer nun einmal häufig in sehr sonnigen Gebieten liegen und es nun einmal eine Tatsache ist, dass die Einwohner dieser Länder in der Regel etwas dunkelhäutiger als Europäer sind.

Ich persönlich kann beide Positionen gut verstehen und will daher versuchen, trotz ihrer scheinbaren Unversöhnlichkeit, beide Argumentationen zumindest teilweise miteinander zu vereinen.
Schauen wir uns dafür erst einmal an, wie die konkrete Asylgesetzgebung momentan aussieht.
Wikipedia fasst folgende Punkte zusammen:
-Ausländer, welche über einen Staat der Europäischen Union oder einen sonstigen sicheren Drittstaat einreisen, können sich nicht auf das Asylrecht berufen (Art. 16 a Abs. 2 GG).

-Bei bestimmten Herkunftsstaaten (sog. sichere Herkunftsstaaten) kann vermutet werden, dass dort keine politische Verfolgung stattfindet, solange der Asylbewerber diese Vermutung nicht entkräftet (Art. 16 a Abs. 3 GG).

-Der Rechtsschutz wurde eingeschränkt (Art. 16 a Abs. 4 GG).

-Letztlich kann das deutsche Asylgrundrecht dadurch eingeschränkt oder ausgeschlossen werden, dass ein anderer Staat im Rahmen europäischer Zuständigkeitsvereinbarungen für die Schutzgewähr des Asylbewerbers zuständig ist und der Asylbewerber, ohne dass sein Asylantrag in der Sache geprüft wird, dorthin verwiesen wird.

V.a. die Drittstaatenregelung hat zurecht sehr viel Kritik einstecken müssen und in meinen Augen ist sie ein absolutes Unding, ebenso wie die Zuständigkeitsverschiebungen zwischen den Ländern, aber das sind alles Punkte, auf die ich mich jetzt noch nicht konzentrieren werde, sondern am Ende kurz was dazu sagen will.
Der für das eigentliche Thema v.a. relevante Aspekt findet sich bei Pro Asyl, wo es heißt:
„Ohne Arbeitserlaubnis dürfen Flüchtlinge nicht arbeiten und keine Ausbildung machen. Für Asylsuchende und Geduldete ist die Arbeit im ersten Jahr ihres Aufenthalts ganz verboten. Auch danach haben sie zumeist kaum Chancen auf einen Job, weil es „bevorrechtigte Arbeitnehmer“ gibt. Dies sind Deutsche, aber auch EU-Ausländer oder anerkannte Flüchtlinge.
Alle anderen Flüchtlinge können eine uneingeschränkte Arbeitserlaubnis nach vier Jahren erhalten, aber nur, wenn sie auch ein Aufenthaltsrecht erhalten. Außerdem können alle dazu verpflichtet werden, „gemeinnützige Arbeit“ für einen minimalen Sozialhilfezuschuss zu leisten.“

Sowie in den §61 und §95 des Aufenthaltsgesetzes geregelt, in denen es u.a. heißt:
„Der Aufenthalt eines vollziehbar ausreisepflichtigen Ausländers ist räumlich auf das Gebiet des Landes beschränkt. Weitere Bedingungen und Auflagen können angeordnet werden.“
Diese Residenzpflicht ist übrigens EU-weit einzigartig – nämlich nur in Deutschland. Dass dies Artikel 18 der Genfer Flüchtlingskonvention widerspricht, scheint da kaum jemanden zu interessieren. Diese besagt nämlich:
„Die vertragschließenden Staaten werden den Flüchtlingen, die sich erlaubterweise auf ihrem Gebiete aufhalten, im Hinblick auf das Recht, sich in der Landwirtschaft, Industrie, Gewerbe und Handel niederzulassen und Handels- und Industriegesellschaften zu gründen, die günstigste Behandlung zusichern, auf jeden Fall aber keine schlechtere, als sie im allgemeinen Ausländern unter den gleichen Umständen zuteil wird.“

Was bedeutet das also konkret?
Asylbewerber haben per Gesetz schon einmal einen wesentlich schwereren Stand als so ziemlich jeder andere Einwohner dieses Landes – sie werden also bereits strukturell stark benachteiligt (und hier schließe ich mich klar Position 1 an).
Nun steht also die Frage an, ob denn das Verhalten des Oberbürgermeisters ein moralisch verwerfliches, da Ausnutzen einer Notlage, ist. Ich glaube, dazu gibt es keine klar abgegrenzte Antwort. Sicher ist, dass die momentan bestehende Gesetzeslage ein himmelschreiendes Unrecht ist – darüber sind sich (hoffentlich) alle einig, deshalb geht es auch eher darum, wie man richtig im Falschen lebt (Ein Artikel mit Querverweis auf Adorno ist eh viel cooler!).
Ich denke, dass es zumindest nicht grundsätzlich verkehrt ist, Asylbewerbern derartige Arbeiten anzubieten – natürlich wird damit das große, strukturelle Problem nicht gelöst, aber allein aus pragmatischen Gründen (siehe Position 2) tendiere ich dazu, dieses Angebot nicht per se abzulehnen.
Herrlich diplomatisch – oder?

Aber gut, ich hatte ja versprochen, noch etwas auf die Asylproblematik im Allgemeineren einzugehen, daher will ich das auch noch kurz nachholen.
Durch einen Artikel, den arprin vor gut einem Monat geschrieben hat, bin ich auf Open Borders gestoßen – und ich muss sagen, dass mich die dort angebotene Argumentation für offene Grenzen sehr überzeugt hat.
Man muss da gar nicht auf Schopenhauer bzw. generell die Unsinnigkeit von Nationalstolz/Patriotismus verweisen, sondern kann auf eine gemeinsame Moral verweisen:
Wenn wir allen Menschen dieselben Rechte zugestehen wollen, dann müssen wir in logischer Konsequenz auch wollen, dass alle Menschen diese Rechte wahrnehmen können – und sei es, indem sie die Orte verlassen, an denen sie daran gehindert werden und an jenen gleichberechtigt leben können, die sie ihnen gewähren.

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Autor: Egoteaist

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