Das Sicherheitsproblem – oder warum Anarchismus nicht funktioniert.

Viele Radikalutopisten erträumen sich eine klassen- und staatenlose Gesellschaft, in der alle Menschen friedlich bis an ihr Lebensende zusammenleben. In ihren Augen ist der Hauptgrund, wieso es Kriege und gewalttätige Auseinandersetzungen gibt, der, dass es ein staatliches Gewaltmonopol gibt, das die eigentlich von und aus sich heraus friedlichen Menschen unterdrückt und so ein gewalttätiges Potenzial schafft.
Ganz gleich, ob man nun den Kommunisten oder Anarcho-Kapitalisten fragt – stets wird der Staat und dessen angebliche Unterdrückung für alle Missstände auf dieser Welt verantwortlich gemacht.
Aber stimmt das wirklich? Halten diese Vorwürfe einer realistischen Überprüfung stand?
Wir werden sehen.
Ein kurzer Ausflug in die Geschichte der Gewalt sowie die Psyche des Menschen soll hierbei behilflich sein.

Primär geht es bei der behandelten Problematik um die sog. „Hobbesian trap“. Für die Unwissenden unter uns definiert sich diese wie folgt:
„Suppose I did not know what my neighbour was after, and suppose he were as strong as I was. He might intend to rob me or use me as his slave. I’d need a club to defend myself, though I was not planning to attack him myself. He, seeing my club, and not knowing what to expect of me either, would feel the need to forge a sword. For fear of the sword, I’d build great walls, and a cannon just in case. In no time, both of us would be occupied with protecting ourselves most of the time, says Hobbes, instead of producing something useful. We would have fallen into the Hobbesian Trap. And, where there are weapons and suspicion, war is inevitable. So freedom and distrust lead to waste and violence.“

Nachdem wir also diese Basis haben, können wir weiter gehen.
Hobbes geht von einem sog. „violence triangle“ aus, was aus einem „aggressor“, einem „victim“ und einem „bystander“ besteht – oder auch „Leviathan“ genannt. Hobbes führt aus, dass es zur Vermeidung dieser Falle eines dritten Agenten bedürfe, namentlich eines staatlichen Gewaltmonopols, das für einen Interessensausgleich zwischen den Konfliktparteien sorgt.
Soweit der kurze staatsphilosophische Abriss.
Welche Daten aber zeigen nun, dass Hobbes mit seiner Theorie Recht hatte?
Nun, das lässt sich glücklicherweise durch eine ganze Reihe von Daten belegen.

Vor allem diejenigen, die sich nicht hinreichend mit der Entwicklungsgeschichte der menschlichen Zivilisation beschäftigt haben, verweisen zu gerne darauf, dass das Zusammenleben der Menschen in vorstaatlicher Zeit weitaus friedlicher und auch weniger kriegerischer gewesen wäre. Aber stimmt das wirklich?
Mitnichten.
Die entsprechenden Daten lassen vielmehr einen ganz anderen Schluss zu:
Der prozentuale Anteil von Toten während einer kriegerischen Auseinandersetzung hat sich von etwa 50-60% bei Clans, Jägern und Sammlern und anderen Stammesgruppen zu vorzivilisatorischer Zeit auf knapp 1% im 20. Jahrhundert (bedingt durch die beiden Weltkriege) und im 21. Jahrhundert auf weniger als 1% reduziert – jedoch nur bei Staaten. Zieht man aktuelle Daten noch bestehender Eingeborenenstämme heran, zeigt sich ein ähnliches Bild, wie bereits skizziert und auch der Vergleich der Homizidrate zeigt Ähnliches.
Bei den Inuit, die noch zu den friedlichsten nicht-staatlichen Völkern gehören, liegt diese bei 100 Opfern pro 100.000 Menschen im Jahr – die USA hingegen, die nur zu gern als abschreckendes Beispiel genommen werden, liegen bei etwa 7-8 und Europa bei 1-2.
Damit wäre anhand historischer Daten nachgewiesen, dass ein staatliches Gewaltmonopol zur Reduzierung von Morden und von Opferzahlen bei kriegerischen Auseinandersetzungen führt.

Kommen wir zur psychologischen Seite:
Um zu verstehen, worauf ich hinauswill, ist es wichtig, sich mit einem spieltheoretischen Konzept vertraut zu machen, daher will ich hier eines kurz skizzieren:
Man nehme zwei Personen (oder Staaten) A und B, die sich zueinander unterschiedlich verhalten können – entweder aggressiv oder friedlich und je nachdem erfolgt eine Punktvergabe.
Es gibt eine Vielzahl verschiedener Varianten dieses Konzeptes, ich verwende jetzt lediglich das, in welchem noch ein strafender Leviathan hinzugefügt wurde.
Gegeben seien folgende mögliche Kombinationen:

A friedlich – B friedlich
(A 5)
(B 5)

A aggressiv – B friedlich
(A Sieg (10) – Strafe, wegen aggressiven Verhaltens (-15) = -5)
(B Niederlage (-100))

B aggressiv – A friedlich
(B Sieg (10) – Strafe, wegen aggressiven Verhaltens (-15) = -5)
(A Niederlage (-100))

A aggressiv – B aggressiv
(A Krieg (-50) – Strafe, wegen aggressiven Verhaltens (-150) = -200)
(B Krieg (-50) – Strafe, wegen aggressiven Verhaltens (-150) = -200)

Unschwer zu erkennen ist, dass der strafende Leviathan aggressives Verhalten als Verlustrechnung deklarieren soll (mangels Strafe wäre dieses bei staatenlosen Gruppen nämlich nicht so, wie reale Beispiele zeigen) und falls beide aggressiv agieren, verlieren sie einerseits durch den entstandenen Krieg (auch das deckt sich wunderbar mit realen Daten) und noch einmal durch die Strafe (hier einer internationalen Staatengemeinschaft).
Was das Ganze mit Psychologie zu tun hat? Ganz einfach:
Solche spieltheoretischen Konzepte werden immer wieder mit verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen durchspielt, um herauszufinden, wie sich einzelne Personen in diesen Situationen verhalten würden und hierbei zeigt sich, dass beim Konzept mit einem Leviathan eine Vielzahl an Probanden wesentlich eher zur Kooperation bereit ist, als in jenen Fällen, wo dieser externe Druck nicht besteht. Kein Mensch ist „von und aus sich heraus“ gut – es bedarf immer externer Phänomene, die prägend wirken, idealerweise eines Staates, der diese notfalls auch mit Gewalt behaupten kann.

Wer sich für die verwendeten Daten interessiert, dem sei Steven Pinkers wunderbares Buch „The Better Angels of our Nature“ empfohlen, aus welchem ich diese übernommen habe.

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Autor: Egoteaist

Existenz positiv bestätigt. Glaube ich. Alles andere ergibt sich.

Ein Gedanke zu „Das Sicherheitsproblem – oder warum Anarchismus nicht funktioniert.“

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